Zurich - 20 November 2009 - 5 December 2009
Andreas Marti, Victorine Müller, Cat Tuong Nguyen
Andreas Marti (*1967 in Zürich, lebt und arbeitet in Zürich)
In minutiöser Feinarbeit erschafft Andreas Marti mit Schablonen und Graphitpulver einen facettenreichen Bilderkosmos, der in seiner Erscheinungsform an futuristische Szenarien erinnert. Gleichermassen rufen die verschlungenen Konstruktionen Assoziationen an mikroskopisch betrachtete Phänomene hervor. Oft entstehen seine verwunschenen Gebilde in konzeptioneller Herangehensweise. Mit präziser Beharrlichkeit wiederholt Andreas Marti ein Repertoire an ähnlichen Formen wie beispielsweise die kugelförmigen Strukturen in der Arbeit "Erweiterte Enzyklopädie" (2009). Obwohl jede Zeichnung dieser Werkgruppe nach einem gleichen Konzept aufgebaut ist, weist die Beschaffenheit der Motive feine Nuancen auf.
Nebst der meditativen Wirkungskraft der Arbeit, streben die Formen gleichermassen eine Befragung der Realität an. Wie lassen sich komplexe Ereignisse künstlerisch darstellen? Kann eine Transformation realer Motive überhaupt erreicht werden? Die Schwierigkeit diesem hohen Anspruch ästhetisch gerecht zu werden, zeigt sich in der repetitiven Darstellungsweise, die gleichzeitig auch Ausdruck für die Vielschichtigkeit an Lösungsvorschlägen ist. In rund 40 Zeichnungen, die bisher entstanden sind, beschäftigt sich der Künstler mit philosophischen Fragestellungen über die menschliche Existenz und ihre Vergänglichkeit und bringt dadurch ein eigenes Bilderuniversum hervor. Als exaktes Raster sind die Zeichnungen hinter Glas an die Wand im Dienstgebäude montiert. Beim Anblick dieser unüberschaubaren Menge und strengen Anordnung verdichten sich die Gedanken rund um die Möglichkeiten, eine Enzyklopädie anzulegen und gespeicherte Daten darzustellen. Die ungebrochene Faszination am Phänomen der Enzyklopädie, am Interesse, ein visuelles Archiv anzulegen und Erklärungsmodelle für die Abläufe des Lebens abzugeben, mag sicherlich daran liegen, einen potentiellen Schlüssel für das Verständnis der Welt zu liefern. Eine Leiter wie sie in Bibliotheken oder Archiven häufig gebraucht wird, um das Wissen visuell greifbar zu machen, soll dem Betrachter in der Ausstellung die Gelegenheit des Nachschauens und Reflektierens aus unmittelbarer Nähe ermöglichen.
Als Kontrast zur Ernsthaftigkeit der Erweiterten Enzyklopädie und als visueller Bruch versteht sich die grossformatige Zeichnung, worauf zufällig hingeworfene Tuscheflecken zu sehen sind. Zarte Linien bahnen sich auf dem Papier ihren Weg wie zugeschneite Fahrzeugspuren in einer Winterlandschaft. Die Endpunkte der Linien werden mit feinen Stahlstiften markiert und sind somit Teil des ästhetischen Konzepts, übernehmen aber auch funktionale Aufgaben wie die der Hängung. In der Videoarbeit "Einer Ahnung folgen" (2005) tastet das Auge der Kamera behutsam die menschenleeren Räume des Dienstgebäudes ab und suggeriert in Kombination mit unheimlichen Klängen spannungsvolle Momente der Ungewissheit. Die Sequenzen der Kamerafahrten werden vom Künstler ineinander montiert, wodurch ein irritierendes Seherlebnis entsteht. Der Ort selbst tut wenig zur Sache. Vielmehr ist es das visuelle Verwirrspiel, das sich aus der Überlagerung der Montage entwickelt und eine topologische Desorientierung zu erzeugen vermag. Die seltsamen Raumkonstellationen, die in ihrer Abfolge unweigerlich an die Konstruktion eines Labyrinths erinnern, werden in einem Loop wiederholt. In dieser unwirklichen von Orientierungslosigkeit geprägten Situation scheint uns jegliches reales Zeitempfinden abhanden gekommen zu sein.
Victorine Müller (*1961 in Grenchen, lebt und arbeitet in Zürich)
Beim Anblick des Erdlings, einer Skulptur aus transparentem Plastik, überlagern sich unterschiedliche Assoziationen. Ein durchsichtiger menschlicher Körper ist von einer abstrahierten Tierhülle umgeben und erstrahlt in grünem und magentafarbenem Licht. Dass es sich um eine lebensspendende Membran handeln muss, wird durch zwei Pumpen verstärkt. In erster Linie sind es technische Hilfsmittel, die gebraucht werden, um den Plastikkonstruktionen das entsprechende Volumen zu verleihen. Sie können jedoch ebenfalls als Herzmaschinen verstanden werden, die der Kreatur Leben einhauchen.
Leben wird auch mit Hilfe des Lichts suggeriert. Die präzise Inszenierung der Beleuchtung und der Farben (in Zusammenarbeit mit Simon Egli) erzeugt auf der transparenten Oberfläche ein betörendes Lichterspiel. Dabei erstrahlt die Membran von aussen und lässt den Körper lebendig wirken. Die gesamte Lichtkomposition - ein ästhetisches Mittel, das charakteristisch für die Installationen von Victorine Müller ist - gepaart mit der fragilen Transparenz des Materials, vermag den Betrachter in eine traumwandlerische Welt zu entführen. Man könnte behaupten, dass sich das Wesen jeglicher Definition von Raum und Zeit entzieht. In diesem philosophischen Gedankenstrudel wird man sich seiner eigenen begrenzten Lebensdauer bewusst.
Erweitert wird die skulpturale Installation mit Bildern, worauf hybride Kreaturen zu sehen sind, die in zartrosa Pastelltönen vor einem weissen Hintergrund auftauchen und ähnlich wie der Erdling, nicht von dieser Welt zu sein scheinen.
Charakteristisch für die Tierwesen ist ihr menschenähnlicher Ausdruck. Sie erzählen, einem emotionalen Vokabular gleich, von einer inneren Welt.
Mit der frischen Interpretation der Vereinigung von Mensch und Tier reflektiert Victorine Müller zwar ein wiederkehrendes Sujet der Kunstgeschichte, schafft auf inhaltlicher Ebene jedoch Resonanzräume für emotionale Befindlichkeiten.
Cat Tuong Nguyen (*1969 in Vietnam, lebt und arbeitet in Zürich)
Ein Repertoire an motivischer Vielfalt offenbart sich in der neuesten Werkgruppe von Cat Tuong Nguyen. Es sind hauptsächlich experimentelle Fotografien, die in erster Linie keine Geschichten erzählen, sondern sie sind Sinnbild für den Prozess des Suchens nach Erkenntnis; ein sicherlich hoher künstlerischer Anspruch, dessen Realisierung grundsätzlich eine schwierige, wenn nicht gar zum Scheitern verurteilte Herausforderung ist. Dennoch entspringen das Suchen nach Antworten sowie das Reflektieren darüber einem instinktiven Bedürfnis, einem inneren Drang und scheinen für jeden von uns, Antrieb oder gar Lebenselixier zu sein.
Beim permanenten Ausloten der Bildinhalte spürt man Cat Tuong Nguyens lustvollen Umgang mit Motiven. So zeigen sich auf den Fotografien Sujets wie Hasen, Eulen, Menschen, und auch der Künstler selbst taucht immer wieder auf wie er sich in ungewöhnlichen Situationen darstellt. Diese Themen kombiniert er in einer frischen Art zu einer Collage und schafft damit eine spannungsreiche Gegenüberstellung. Trotz des ernsthaften Grundtenors weisen die Fotografien stets eine ironische Seite auf wie zum Beispiel dort, wo Cat Tuong Nguyens Kopf von einem Buch bedeckt wird, und er neben sich eine Lampe liegen hat. Hat der Drang nach Erkenntnis und die geballte Kraft des Wissens den Künstler regelrecht "erschlagen", oder sehen wir hier ein Bild der friedvollen Erleuchtung? Es sind solche Inszenierungen, die des Künstlers feines Gespür für Humor und Situationskomik ausdrücken, gleichzeitig auch die Offenheit seiner Bildinterpretationen betonen.
Nebst gegenständlichen Motiven erscheinen in der friesartigen Präsentation immer wieder Fotografien, die in der Dunkelkammer mit Chemikalien bearbeitet wurden und dadurch in der Art ihrer Ausführung und Beschaffenheit gleichermassen an abstrakte Malerei erinnern. Der prozesshafte und selbstreferentielle Charakter der Arbeiten spielt in dieser Serie eine zentrale Rolle. So zeichnen sich die Bilder - wie Cat Tuong Nguyen die Fotografien nennt und damit ihre Nähe zur Malerei bestärkt - durch offensichtliches Zurschaustellen technischer Aspekte wie Über- und Mehrfachbelichtung aus. Die "Fehlerhaftigkeit" gehört zum ästhetischen Prinzip der einzelnen Arbeiten. Nicht die Perfektion im herkömmlichen Sinne interessiert den Künstler, sondern Situationen, die "unvollendet" und irritierend wirken.
In einer Aktion, die am Vortag der Ausstellungseröffnung ihren Anfang nimmt und bis zum Ende der Vernissage dauert, möchte Cat Tuong Nguyen den Prozess der Bildfindung und -produktion lebhaft darstellen. Von freiwilligen Besuchern sollen laufend Porträts entstehen, die im Dienstgebäude aufgenommen, vor Ort entwickelt und anschliessend aufgehängt werden. Die Mitarbeit oder Hilfe des Besuchers ist wichtiger Bestandteil dieser Arbeit, ist für das Entstehen der Aufnahmen unabdingbar. Durch die Beteiligung des Einzelnen wird eine Basis für gegenseitiges Vertrauen geschaffen. Diese Geste erfährt in Zeiten übertriebener Selbstbezogenheit eine wertvolle Bedeutung. Damit erwirkt der Künstler eine spannungsgeladene Interaktion mit seinem Publikum.


Andreas Marti, Victorine
Andreas Marti, Victorine Müller, Cat Tuong Nguyen at Dienstgebäude. See