Exhibition

in Thun / Switzerland
12.02.2022 - 01.05.2022 00:00
Christian Helmle - Stralau

Die Einzelausstellung “Stralau” von Christian Helmle (*1952 in Thun, lebt und arbeitet in Thun) zeigt einen umfassenden Einblick in das vielfältige Schaffen des Thuner Fotografen. Helmle setzt sich in seinem künstlerischen Werk mit Themen wie Natur, Architektur, Menschen, Strukturen und Topografien auseinander. Neben älteren Arbeiten, die für sein Schaffen exemplarisch sind und bisher selten zu sehen waren, wird u.a. eine neue Werkserie präsentiert, in der der Fotograf die Reportagemit der Architekturfotografie verbindet und ein eindrückliches Bild unseres städtischen Lebensumfelds zeichnet. Auch Werke aus der Sammlung des Kunstmuseums werden zu sehen sein.

Vielfältige Interessensfelder
Die Ausstellung zeigt einen chronologischen Einblick in das vielfältige Werk des Thuner Fotografen: Experimentelle Fotografien aus den 80er-Jahren, Landschaftsbilder und Aufnahmen von architektonischen Bauten sowie Menschen sind in der Einzelpräsentation zu sehen. Oftmals entstehen ganze Werkserien, in denen sich der Fotograf künstlerisch mit bestimmten Themen auseinandersetzt.
Die Serie “Berg” (2003-2014) ist an Postkarten aus den 1930er- bis 50er-Jahren angelehnt. Die historischen Schwarz-Weiss-Aufnahmen zeigen den Berg als Metapher des Erhabenen und wurden meistens mit einer Grossformatkamera aufgenommen. Helmle spürt dieser Ästhetik nach und begibt sich auf die Suche nach dem Wesen des Berges.

In der Serie “Weisse Elefanten” (1999-2005) wiederum, von denen einige Arbeiten auch zu der Sammlung des Kunstmuseums gehören, dokumentiert der Fotograf monumentale Bauten in Europa, die aufgrund politischer oder wirtschaftlicher Entwicklungen überholt oder bedeutungslos geworden sind. Manche fristen ein kaum genutztes Dasein, andere wurden bereits vor der Fertigstellung ihrer ursprünglichen Funktion beraubt. So wirken die Bauwerke, die oftmals als Zeugen gescheiterter Visionen in Erscheinung treten, wie surreale Fremdkörper, die ihre Sinnhaftigkeit und ihren Bezug zur Umgebung verloren haben.

Zudem ist in der Ausstellung Helmles frühe Werkreihe “Taxi” (1981) zu sehen. Die handkolorierten Schwarz-Weiss-Abzüge zeigen den Fotografen als Chauffeur. Die Kamera hat Helmle auf dem Armaturenbrett seines Taxis installiert. Das Weitwinkelobjektiv erfasst den ganzen Innenraum. Der Moment der Aufnahme ist zufällig und erfolgt rund sieben Sekunden nach dem Drücken auf den Selbstauslöser. So werden die unterschiedlichen Charaktere der Fahrgäste, zu denen auch einige Thuner Persönlichkeiten gehören, auf authentische Weise festgehalten.

Interessante Gegenüberstellungen und neue Kontexte
Helmle nimmt die Betrachtenden mit auf eine Reise durch sein künstlerisches Werk und führt sie von der Schweiz in verschiedene Städte und Orte Europas bis hin nach Kairo.
Dabei entstehen zwischen den Werken mitunter interessante Querverweise und neue Narrationen. So verdeutlicht beispielsweise die Gegenüberstellung der tanzenden Derwische, die sich auf den Moulid-Festen in Kairo durch Tanz, Musik und Sprechgesänge in einen rauschartigen Zustand versetzen, mit den ausdrucksstarken Bildern von Fans an Open-Air-Konzerten wie dem Gurtenfestival, die Ähnlichkeit der Faszination und Hingabe, die in Religion und Fangemeinschaften gleichermassen zum Ausdruck kommt. Während die Sufis (1993, 1995) einen religiösen Führer verehren, transzendieren die Bands (1990-2003) zu gottgleichen Idolen, die von ihren Fans bejubelt werden.

In der aktuellen Werkserie “Stadtmensch” (2017-2021) verbindet Helmle die Architekturfotografie mit der Reportage und zeichnet auf eindrückliche Weise ein zeitgenössisches Bild unseres städtischen Lebensumfelds. Auch hier erlaubt die Präsentationsweise den Besuchenden Verbindungen zwischen den divergierenden Aufnahmen zu ziehen, die die Gemeinsamkeiten des urbanen “Stadtmenschen” in verschiedenen Städten Europas offenbaren.

Geschichten hinter den Motiven
Helmle interessiert sich vor allem auch für die Geschichten, die sich hinter jedem Bild verbergen. “Als Fotograf bin ich auch eine Art Geschichtsschreiber.”, erläutert der Thuner Künstler.
Das Werk “Stralau” (2005), dass der Ausstellung den Namen gibt, verweist zum Beispiel auf das ehemalige Fischerdorf Stralow, welches sich ursprünglich auf der Halbinsel zwischen Spree und Rummelsburger See im heutigen Berlin Friedrichshain befand. Die Fotografie zeigt eine Fassade, deren Verfall die illusionistische Darstellung einer Uferlandschaft malt. Helmle fängt in dem Bild die Geschichte jenes Landstrichs ein. So zeigt die Fotografie einen Ort, der einst Landschaft war, besiedelt, verlassen und nun allmählich von der Natur zurückgewonnen wird. Allerdings an einer Stelle, die von der Grossstadt im Laufe der Zeit vereinnahmt und gänzlich umschlossen wurde. Auf diese Weise tritt Stralau als Sinnbild der heutigen Zeit in Erscheinung. Eine Zeit, die von Schnelllebigkeit geprägt ist und in einsamen Momenten ein vages Gefühl der Sehnsucht in uns wachzurufen vermag.

Christian Helmle (*1952 in Thun, Schweiz) wuchs in Thun auf. Nach drei Semestern Ethnologiestudium an der Universität Bern von 1972 bis 1973 folgten Reisen nach Mittelamerika und Afrika.
Von 1977 bis 1980 absolvierte Helmle die Fotoklasse an der Ecole d’arts appliqués in Vevey. Seit 1982 ist er als freischaffender Fotograf tätig. Helmle erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien, darunter das Eidgenössische Stipendium (1987), das Atelierstipendium Kairo (1993), das Werkstipendium Tunis (2000), das Atelierstipendium Berlin (2005) sowie den Fotopreis des Kantons Bern (2006). Seine Werke sind in bedeutenden Sammlungen vertreten und wurden in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt. Zu den Arbeiten von Christian Helmle sind u.a. folgende Publikationen erschienen: Selve (Eigenverlag, Thun 2017); Thunersee (Jovis-Verlag, Berlin 2016); Waterpower (Jovis-Verlag, Berlin 2012); Weisse Elefanten / White Elephants (Jovis-Verlag, Berlin, 2007); Zum Beispiel Thun (Ott Verlag, Thun 2003); Karrenfeld (report Verlag, Thun 2000).

Zur Ausstellung erscheint im Kehrer Verlag der umfassende Katalog “Christian Helmle. Stralau”, mit einem Vorwort von Helen Hirsch, Direktorin Kunstmuseum Thun, und Texten von Konrad Tobler und Alisa Klay.

Grafische Gestaltung: Sibylle Ryser, Basel
24 x 28.9 cm, 112 Seiten, Softcover, ca. 133 Abbildungen, 2022
ISBN 978-3-96900-061-8, De/En

Öffnungszeiten Di-So 10 – 17 Uhr, Mi 10 – 19 Uhr

www.kunstmuseumthun.ch

Location:
Kunstmuseum Thun
Thunerhof / Hofstettenstrasse 14
3602 Thun
Switzerland

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