Exhibition

in Thun / Switzerland
27.08.2016 - 20.11.2016 10:00 - 17:00
Die Kräfte hinter den Formen - Erdgeschichte, Materie, Prozess in der zeitgenössischen Kunst

Die Ausstellung “Die Kräfte hinter den Formen” im Kunstmuseum Thun widmet sich der Auseinandersetzung mit Materie und Naturprozessen in der zeitgenössischen Kunst. Sie versammelt Arbeiten, die Entstehungsprozesse und Formkräfte in der Natur reflektieren, in eine künstlerische Form übersetzen und ihre Bezüge zum Menschen ausloten. Die Diskussion, ob wir mittlerweile in einer menschengemachten Umwelt leben, schärft das Bewusstsein für die Natur und die hinter ihren Erscheinungen stehenden Kräfte, wie auch für die Auswirkungen unseres Handelns auf die Umwelt.

Die Imaginationskraft, die in der Vergegenwärtigung von Naturprozessen liegt, gewinnt gerade in jüngster Zeit wieder an Aktualität. Auch der aktuelle wissenschaftstheoretische Diskurs formuliert Fragen nach Formgenese und Vitalität der anorganischen Materie neu. Im Zuge eines mutmasslichen ‘geological turn’ wird Erdgeschichte zu einem Denk- und Vorstellungsraum, an dem sich ein Bild der Lebensgrundlagen des Menschen ablesen lässt. Die Ausstellung im Kunstmuseum Thun “Die Kräfte hinter den Formen” – ein Titel, der auf den Künstler und Geologen Per Kirkeby zurückgeht – widmet sich der Auseinandersetzung mit Materie und Formprozessen in der zeitgenössischen Kunst. Die Künstlerinnen und Künstler erarbeiten in Fundstücken und neuen Konglomeraten eine Geologie unserer Gegenwart. Sie nutzen Erdgeschichte als Denk- und Vorstellungsraum, um unser Verständnis von Zeit und unser Verhältnis zu einer sich stetig wandelnden Umwelt zu erschliessen, und sie beschäftigen sich mit den Folgen unseres Umgangs mit Natur, Materie und damit letztlich mit uns selbst. Gemeinsam ist den künstlerischen Positionen die Verschränkung von Forscherdrang und Formwillen. Hohe gesellschaftliche und wissenschaftstheoretische Aktualität paart sich mit verdichteter Bildsprache und einem weiten geistesgeschichtlichen Horizont. Nicht ohne humorvolle Komponente spielen die Künstlerinnen und Künstler mit einer Sehnsucht nach Ganzheitlichkeit, mit dem Drang, die Welt verstehen zu wollen, mit der Ehrfurcht vor der Schöpfung und dem Glauben an die eigene Schöpferkraft – eine Haltung, die immer auch das eigene Tun reflektiert.

In der Ausstellung, in der neben den eingeladenen Positionen noch ausgewählte Werke aus der Sammlung präsentiert werden, suchen die Künstlerinnen und Künstler Antworten auf die Umweltzerstörung und das neue Zeitalter der Menschheit – das Anthropozän. Julian Charrière (*1987 in Morges, CH, lebt und arbeitet in Berlin) reist um die Welt, spürt Abbaugebiete des Rohstoffes Seltener Erden auf und erarbeitet in Gesteinsproben und Konglomeraten eine spekulative Geologie unserer Gegenwart. Für die Ausstellung schafft er mit aus Lavasand und Elektroschrott gegossenen Objekten eine Art “posthumane Landschaft” mit dem Titel “Metamorphism” (2015). Die Fotoserie “The Blue Fossil Entropic Stories” (2013) zeigt den Künstler auf einem Eisberg stehend und mit einem Gasbrenner das Eis unter seinen Füssen schmelzend – ein Kommentar zur Klimakatastrophe ebenso wie ein Gegenüberstellen von menschlicher und geologischer Zeit. Letzteres spielt auch in der Arbeit “Essere fiume (7)” (2000) von Giuseppe Penone (*1947 in Garessio, IT, lebt und arbeitet in Turin und Paris) eine Rolle: Einer der beiden gleich aussehenden Marmorbrocken ist ein vom Wasser geformtes Fundstück aus einem Bachbett, der andere entstammt einem Steinbruch und wurde vom Künstler bearbeitet. Ilana Halperin (*1973 in New York, lebt und arbeitet in Glasgow) spürt in ihren mittels geologischer Prozesse geschaffenen Objekten ebenfalls dem Verhältnis zwischen dem menschlichen und dem geologischen Zeithorizont nach. Ihre Arbeit “The Mineral Body” (2013) wurde in der französischen Auvergne in einem Höhlensystem mit vulkanischen, thermomineralischen Quellen gefertigt. Ein dort entwickeltes Verfahren beschleunigt den bei natürlichen Höhlentropfsteinen extrem langsamen Prozess der Kalksteinablagerung auf wenige Monate. Katie Paterson (*1981 in Glasgow, lebt und arbeitet in Berlin) dagegen entwickelt eine konzeptuelle Poetik der Naturkräfte, indem sie beispielsweise Schallplatten aus Gletschereis presst und so lange abspielt bis sie schmelzen (Langjökull, Snæfellsjökull, Solheimajökull, 2007) oder unter dem Titel “Future Library” (2014-2114) einen Wald pflanzt, aus dem in 100 Jahren Bücher entstehen sollen. Auch George Steinmann (*1950 in Bern, lebt und arbeitet in Bern) beschäftigt sich mit dem Wald, in dem er in der Fotoserie “Suchraum Wildnis” (1997-2015) der Verwilderung auf die Spur geht. In der Installation “From-To-Beyond” (1995-1997) setzt er sich mit den Folgen auseinander, die die Nickelgewinnung und die Entsorgung von atomaren Abfällen in der russischen Arktis für die Umwelt wie auch für das Volk der dort lebenden Sámi haben.

Mit Werken von Jonathan Bragdon, Nina Canell, Julian Charrière, Olafur Eliasson, Ilana Halperin, Roger Hiorns, Paul Klee, Lutz/Guggisberg, Per Kirkeby, Katie Paterson, Giuseppe Penone, Jens Risch und Gäste, Hans Schabus, Reto Steiner, George Steinmann.

In Kooperation mit Kunstmuseen Krefeld / Museen Haus Lange, Haus Esters und Galerie im Taxispalais, Innsbruck

Zur Ausstellung ist eine Publikation (D/E) erschienen, mit zahlreichen Essays und einem umfangreichen Abbildungsteil, das sich dem Thema aus kunsthistorischer, kulturwissenschaftlicher und wissenschaftstheoretischer Perspektive nähert. Mit Texten von Monika Bakke, Hartmut Böhme, Julia Brennacher, Beate Ermacora, Helen Hirsch, Magdalena Holzhey, Lena Nievers, Thomas Pöhler, Anja Seiler, Katrin Sperry und Jürgen Tabor. Ca. 240 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen; Snoeck Verlag, Köln 2016.

Öffnungszeiten Di-So 10 – 17 Uhr, Mi 10 – 19 Uhr

www.kunstmuseum-thun.ch

Location:
Kunstmuseum Thun
Thunerhof / Hofstettenstrasse 14
3602 Thun
Switzerland

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