Exhibition

in Zürich / Switzerland
10.05.2024 - 13.07.2024 00:00
Dominik Heim - Rauschen

Mehr noch als auf das Rauschen dieses vordergründig vollends idyllischen Bergbachs auf dem Cover dieser Einladungskarte bezieht der Winterthurer Maler Dominik Heim den Ausstellungstitel “Rauschen” auf Störungen in einem ideal ausgelegten System. Und so müssen wir uns nicht wundern, wenn dieser harmonischen Bachlandschaft plötzlich monströse Gestalten entsteigen. Mit feinem Spürsinn widmet sich dieser Historienmaler unserer Zeit den Dramen unserer Gegenwart, mit ihren mehr und mehr revolutionären Zügen. Er ist eine Rarität unter den heutigen Malern: ein Erzähler und Erfinder – und zugleich ein Realist. An der renommierten Akademie der bildenden Künste in Wien ausgebildet, lässt er uns erschauern – und wir amüsieren uns noch dabei. In der Rüegg-Stiftung zeigt Dominik Heim seine neusten Bilder – wie immer begleitet von Werken unserer beiden Stiftungsgründer.

“Bürger” heissen zwei Bilder von Dominik Heim lakonisch. Nur ein Chronist gegenwärtiger politischer Verhältnisse, ein zeitgenössischer Historienmaler kann seine Bilder so nennen. Das Thema “Bürger” wäre bis vor einigen Jahren für einen Maler ein einigermassen kurioser Gegenstand gewesen. Seit 2020 ist er das nicht mehr – im Gegenteil, seit den spaltenden Ereignissen der letzten Jahre ist das Thema aufgeladen wie schon lange nicht mehr. Um es vorwegzunehmen: Dominik Heims Kunst ergreift nicht Partei für die eine oder andere Seite. Sie macht das, was seit jeher eine Stärke der Kultur und der darstellenden Kunst ist: sie beschreibt, sie macht sich ein Bild, sie beobachtet.

Dominik Heims bühnenhafte, theatrale Kompositionen würden in der traditionellen kunsthistorischen Terminologie meist zur Kategorie der Figurenbilder gezählt. Interessant ist, dass sich Figur und Grund – ein anderes bedeutendes Thema der Malerei – in Heims Figurenbildern nicht wirklich trennscharf voneinander abheben. Im Gegenteil: Bei Heim korrespondieren Figuren und landschaftlicher (Hinter)-Grund stark miteinander – als gingen sie ein musterhaftes gemeinsames Bündnis ein, als seien die Figuren von ihrem Umfeld angesteckt, beeinflusst, als entstehe umgekehrt auch dieses Umfeld erst durch die Ausprägung der Figuren.

Die politisch-gesellschaftliche Auslegung dieses Befunds geht nun so: Die einzelnen Bürger heben sich kaum von ihrem Umfeld ab, das seinerseits durch die Ideen und Ausrichtungen der “Bürger” erst entsteht. Diese wabernde, sich vorwärts wälzende “Wertegemeinschaft” ist farblich zwar durchaus mehrstimmig gehalten, im Zusammenklang wird sie aber zu einem harmonisch-uniform gestimmten Einheitsbrei. Die enge Verbindung zwischen Figur und Grund führt auch dazu, dass diese gleichförmige Masse etwas Träges, Zähflüssiges bekommt. Als könnten sich die einzelnen “Bürger” in dieser mit ihnen selbst verschwimmenden Masse nur mehr schwerlich weiterschleppen, als seien sie gelähmt, sediert, deformiert, entstellt und durchaus auch ein wenig verdummt.

Dass sich Heims Bürgerbilder in einer Comics-Sprache camouflieren, macht sie wesentlich geniessbarer als sie es eigentlich – dem beschriebenen Befund nach – sind. Denn was hier dargestellt wird, ist voll ätzender Abgründigkeit. Diese fluide, weichschmelzende Glacé- oder – noch ätzender – Topping-Ästhetik ist im Grunde scharf schneidende Gegenwartskritik. Sie beschreibt einen hochbeeinflussbaren, manipulierbaren Mainstream, und sie beschreibt Zusammenrottungen, die an Bürgerstürme aufs Capitol oder auf Regierungsgebäude in Brasilia hindeuten. Auf (pseudo?)-revolutionäre Anarchie also, auf inszenierte Gesetzlosigkeit, die sich dem wabernden Mainstream widersetzt (und vielleicht selbst nichts anderes als ein – anderer – aufgewühlter Mainstream ist). Oder zumindest auf diesen eigenartigen Cocktail aus Party, Marsch und Demonstration, der in unserer Zeit mehr und mehr Verbreitung findet.

Diese Malströme, die bekanntlich erhebliche, auch unberechenbare Dynamiken annehmen können, beschreibt Dominik Heim in einer unschuldigen, fast bubenhaften Art, als ob er selbst nicht genau wüsste, was sich da alles zusammenbraut. Natürlich ist diese Haltung eine Maskerade, die Unschuld pure Tarnung. Natürlich weiss dieser Maler ganz genau, was er tut. Und seine Gesellschaftsstudien sind somit wesentlich unliebsamer, als uns lieb sein könnte.

Diese Studien sind das Produkt eines malenden Erzählers – was (leider) selten geworden ist in unserer Zeit. Der Erzähler ist auch ein Erfinder, er spitzt das Erzählte, Erlebte, Erfahrene zu, übersteigert es bis ins Groteske, Absurde, bis wir lachen müssen über das Traurigste. Er halte sich dabei an die Maxime “etwas zu erzählen, ohne dass zu viel erzählt wird”, erklärt der Maler.

Und: Er verfolgt spannende Techniken. Denn was er malt, hat er manchmal erst fotografiert, dann dreidimensional nachmodelliert – und erst dann, mit einem dritten Medientransfer in die Ölmalerei, findet das Motiv seinen Weg auf das Bild. So kann eine fotografierte Pflanze, die real ganz klein ist, via dreidimensionales Modell im gemalten Bild plötzlich übergrosse, bedrohlich wuchernde Proportionen annehmen. So komponiert Heim seine Bilder auch im Entstehen – denn “Raum funktioniert in der Malerei anders als in der Fotografie”.

Zum Schluss noch ein Wort zum Titel der Ausstellung, “Rauschen”. Es gibt ja das “weisse Rauschen” – die Störung in einem idealen System. Vor dem Hintergrund des Gesagten kann man sich fragen, was das weisse Rauschen, diese Störung, im idealen System des Kapitalismus wäre. Sind es vereinzelte Amokläufer, die im Gleichstrom des Systems durchdrehen? Die seinem Malstrom zumindest vorübergehend eine neue Richtung geben wollen? Die ihre Ohnmacht im Kollektiven endlich in Wahn und Rausch für einen Moment in singuläre Allmacht ummünzen wollen? Sind es Gruppierungen von extremistischen Ausläufern, die als Speerspitze von Ähnlichgesinnten die Drecksarbeit übernehmen? Sind es Aussteiger, die sich in grüne Oasen zurückziehen? Sind es lokale Unfälle, die sich mit exponentiellen Dynamiken zu globalen Katastrophen ausweiten? Oder sind es quasi- oder tatsächlich biblische Kräfte, die sich gegen “das System” wenden, die “aufstehen” und Chaos über die Welt bringen?

Auch wenn es sich nicht unbedingt nur um Wutbürger handelt, denen Heim sich hier annimmt, und auch wenn sich unter sie auch ein besinnlicher “Fischer” mischt, der sich passiv und stur jeder Bewegung “des Systems” widersetzt, indem er einfach ewig an Ort sitzenbleibt und darauf wartet, bis sich die Fische (des Systems) um ihn herum bewegen: Die Bilder, die Dominik Heim von unserer Gegenwart malt, sind nicht sehr zuversichtlich. Immerhin lebt ein Hauch von Humor, auch von Selbstironie in ihnen, und bewahrt sie damit wunderbar vor jeglichem Pathos, das diesen schweren Themen auch eigen sein könnte. Mehr als Tragödien sind es tragikomische Burlesken, die uns Dominik Heim hier anbietet. Was wir damit machen, legt er ganz und gar in unsere eigenen Hände.

Albert Rüegg übersteigerte seine Gesellschaftsstudien manchmal bis ins Karikierende. Der “Stress” des “neuen Zürich” erfüllte ihn allerdings durchaus mit Sorge – und er nahm hier bereits in den 1960er-Jahren eine Entwicklung wahr, die sich später massiv beschleunigen und geradezu die Identität einer Stadt begründen sollte. Stress, diese Gehetztheit, dieses Zurückbleiben des Körpers, wo der Kopf schon längst weiter ist, die Zerrissenheit im Angebot der Möglichkeiten… Statt das Wahrgenommene zugespitzt zu dokumentieren, schuf Melanie Rüegg-Leuthold Gegenbilder zu dieser Diagnose der Beschleunigung: Sie hielt ihr die Verlangsamung entgegen, das Festhalten des innigen Moments, die Besinnung. Es ist auf jeden Fall spannend, wie sich diese Eskalation der Beschleunigung früh auch schon in Bildern und Gegenbildern des Künstlerpaars Rüegg beobachten lässt.

Simon Maurer, Stiftungsrat

Öffnungszeiten Mi-Fr 12 – 18:30 Uhr, Sa 11 – 17 Uhr

Ausstellungsdauer 10.05. – 13.07.2024

www.kunstsammlung-ruegg.ch

Location:
Stiftung Kunstsammlung Albert und Melanie Rüegg
Rämistrasse 30
8001 Zürich
Switzerland

0 Comments

Leave a reply

Contact us

We're not around right now. But you can send us an email and we'll get back to you, asap.

Sending

© likeyou artnet / online since 1999 / www.likeyou.com / Privacy Policy / Terms of Use

Log in with your credentials

or    

Forgot your details?

Create Account