Exhibition

in Zürich / Switzerland
25.11.2022 - 11.02.2023 00:00
Ercan Richter - Bäume als Bäume als Menschen

Ercan Richter malt seit einigen Jahren Baumstämme, Baumrinden und Baumwurzeln: kraftvoll, pastos, intensiv. Die Baumstämme verweisen auf die Kontinuität und Stabilität – vielmehr: auf die ungesicherte Kontinuität und Stabilität kollektiver und individueller Geschichte. Die Baumrinden auf die “Haut”, auf das Trennende – und Verbindende – zwischen Innen und Aussen, zwischen zwei Welten. Die Wurzeln schliesslich auf die Verankerung – und auf die Exponiertheit dieses Halt Gebenden.

Das Thema der Verletzlichkeit, der Gefährdung, war in allen bisherigen Baumbildern schon enthalten. Nun liegen die Bäume vollends am Boden: niedergestreckt von ökonomischen Interessen, zu Fall gebracht von Sturmwinden als Folge des Klimawandels. Versehrt, verwundet und zersägt liegen sie da – die ursprünglichen, aufeinander abgestimmten Verbindungen zwischen Holz- und Blattwerk zerrissen und chaotisch auf den Erdboden geworfen, wie nach einer Explosion. Ercan Richters Baumbilder sind zum einen realistische Darstellungen, von bedrohter Natur. Zum anderen Abbilder einer bedrohten, gestörten Weltordnung. Bäume kommen auch im Werk von Albert Rüegg immer wieder vor: als ähnlich expressive, existenzielle Bedeutungsträger.

Im Herbst 2001 eröffnete ich meine erste Ausstellung als Leiter des Helmhaus, unter dem Titel “Wald / Explosionen”. Manche waren darüber etwas verwundert: zwei so konkrete Themen – und was hatten die beiden Themen miteinander zu tun? Die These war: eine ganze Menge – und mehr als uns lieb war. Die Planung der Ausstellung, unter diesem Titel, war schon weit fortgeschritten, als der 11. September 2001 und seine Folgen die Weltordnung veränderte. “Wald / Explosionen” – nach dem 11. September hatte dieser Titel eine noch tiefere, erschütternde Bedeutung.

Wenn Ercan Richter seit einigen Jahren Bäume malt, zielt das in eine ähnliche Richtung. Die Bäume stehen für weit mehr als für das, was sie sind. Wobei wir gut daran tun, mit dem zu beginnen, was sie sind: Bäume als Bäume. Denn diese Malerei verficht durchaus auch einen ernst zu nehmenden Realismus. Der Realismus begann damit, dass Ercan Richter Baumstämme malte. Die Stämme dienten ihm als vertikales Bildmotiv in vertikalen Bildformaten. Die Klarheit dieser Komposition öffnete auch eine Tür bis hinein in die Abstraktion. Aber sie scheint dem Künstler höchstens sekundär zu sein. Primär geht es um das Sinnliche, um die Übersetzung des Wesens von Materie in Malerei. Was ist das Wesen von Holz? Wie lehrt uns diese Malerei, darüber nachzudenken, sich ihm zu widmen? Sich in einen Baum hineinzudenken ist schon mal eine gute Übung – insbesondere in unseren digitalen Zeiten. Ercan Richter “liest” den Baum von aussen nach innen. Er zeigt auf diesen ersten Baumbildern einzig seine Oberfläche, die Aussensicht. Es ist aber hier schon so, dass uns diese äussere Erscheinung viel über das Innenleben des Baums erzählt. Die Rinde ist sein Kleid, seine Haut, mit der er sich schützt und vielleicht auch ziert. Sie muss durchlässig sein, um den Stamm mit Sauerstoff zu versorgen. Und sie muss doch auch hart genug sein, um ihn vor mechanischen Verletzungen zu bewahren.

Bäume werden, so lange sie gesund sind, langsam immer dicker und immer höher. Ercan Richters Bilder lassen uns nicht nur darüber nachdenken, warum das so ist, sondern auch, was das Wesen dieses Wachstums ist. Und was es mit uns macht – wenn wir ihm unsere Aufmerksamkeit schenken. Ein Baum ist auf Wachstum ausgerichtet. Er trotzt dem Wetter, überwindet Kälte und Sturm, und entwickelt sich stetig weiter, in die Breite und in die Höhe. Wir fragen uns, warum Bäume oft so regelmässig geformt sind. Wo sie doch dem Sonnenlicht in unterschiedlichen Winkeln ausgesetzt sind. Wie weiss der Baum, dass seine Form nun abgerundet ist und dass er an der einen Stelle schneller, an der anderen langsamer wachsen muss? Wie entscheidet er, dass seine Äste nun Verzweigungen bilden, dass aus dem Zweig ein Blatt ausschlägt?

Über solche Wunder denken wir nach, wenn uns Ercan Richter geradezu konfrontativ einen Baumstamm vor Augen setzt. Wir sehen nur einen Ausschnitt aus dem Baumstamm, und wir sehen nur seine Oberfläche. Und doch denken wir über diesen Ausschnitt hinaus und in den Baumstamm hinein. Wir riechen ihn fast, den Stamm, und wir spüren das Schrundige seiner Rinde, als ob wir mit den Fingerkuppen über sie strichen. Wir spüren auch das Alter des Baums, dieses Gewachsene, Konstante, Unaufhörliche.

Unaufhörlich? Schon der Baum, den Ercan Richter für die Ausstellung in der Villa Cedri in Bellinzona gemalt hat, ein zentrales, bedeutendes Bild, zeigt im unteren Bildteil Auflösungserscheinungen. Als stünde sein Fundament, seine Herkunft in Frage. Erst daraus formt er sich zu einer kompakten, kontinuierlichen, belastbaren und selbstbewussten Materie. Baumstämme sind wie Biografien. Krisen zeichnen sich ab, im Inneren wie im Äusseren, ebenso wie unbelastetes, freies Wachstum.

Dann kam die Zeit der Wurzeln. Ich erinnere mich, dass ich diese Bilder zunächst so verstand, dass Ercan Richter sich nun den Verankerungen – unseren und denen der Bäume – zuwenden wollte. Und las sie somit eher positiv: Er wollte zeigen, wie stark, wie weit verzweigt unsere Wurzeln sind. Erst später wurde mir bewusst, wie sehr diese Wurzeln freigelegt waren, wie exponiert und verletzlich sie sich zeigten, beinahe wie Adern. Sicherlich sind die Wurzelbilder auch Chiffren für Zusammenhänge und gegenseitige Abhängigkeiten. Für Nahrungsketten und für die Rückverfolgung von Ursache und Wirkung. Bis hin zu den Rhizom-Theorien der französischen postmodernen Philosophie. Und natürlich weisen sie auch auf die Fragilität hin, die unserer Pflanzen- und Tierwelt eigen ist. Und auf Möglichkeiten menschlicher Manipulation, mit ihren schroffen, unbarmherzigen Eingriffen in die unbeschützte Natur.

Ercan Richters neuste Baumbilder zeigen diese menschlichen Eingriffe nun erstmals explizit. Zwar sagt er, dass die Bildvorlagen vor allem nach dem gewaltigen Sturm, der letztes Jahr durch Zürich fegte, entstanden sind. Aber es ist nicht die Natur allein, die hier ganze Waldstücke zu Boden gedrückt hat. Die Natur, diese Extremereignisse sind natürlich nur Folgen unseres eigenen, ungehemmten Triebs nach Wachstum. Es ist wohl Ercan Richters liebevollem Charakter zuzuschreiben, dass aus dem Chaos, das sich ihm da draussen im Wald präsentierte, auf seinen Bildern durchaus etwas fein Komponiertes wird. Aber die Essenz seiner Haltung ist ohne Zweifel radikal. Und doch ist es wohl eine Eigenheit dieser Kunst, dass sich dieses Gewaltsame und Zarte begegnen. Diese Radikalität und Sensibilität. Dieser kritische Geist und dieses Liebevolle.

Es ist eine dynamische, kraftvolle, hochintensive Malerei, die uns hier begegnet. Sie transportiert und transformiert nicht nur Naturkräfte, sondern auch menschliche Widerstandskraft und Resilienz. Sie offenbart unsere Verletzlichkeit und Angreifbarkeit genauso wie unsere Resistenz und Verteidigungsbereitschaft. Sie mahnt dazu, Sorge zu tragen für das, was die Natur uns geschenkt hat – inklusive uns selbst, der Menschlichkeit. Sie ist Sinnbild für individuelle und kollektive Katastrophen und für den Mut und die Kraft und die Ausdauer, diese zu überstehen. Sinnbild für eine Orientierung auf Werte, die nachhaltig sind, die Wurzeln in der Vergangenheit und Blüten in der Zukunft haben.

So sind es eigentliche Zeit-Bilder, Historienbilder, Chroniken: Sie erzählen unsere Geschichte, aus der Gegenwart heraus. Aus einer Gegenwart, die sich aus einem sehr bewegten, manchmal hoch gefährdeten Leben ergibt, denn der Maler ist politisch emigriert. In seiner neuen Umgebung in Westeuropa hat er rasch Wurzeln geschlagen, soziale Kontakte geknüpft und ist heute über die Malerei hinaus politisch und sozial engagiert: mit all seiner hoch verdichteten Energie, die ihm gegeben ist – und die in jedem seiner expressiven, existenziellen Bilder zur Geltung kommt.

Albert Rüegg war bestimmt nicht aus demselben Holz geschnitzt. Mit seiner Gattin Melanie Rüegg-Leuthold bürgerlich verankert, hatte er wirtschaftlich ein stabiles Fundament. In der Mitte seines Lebens steht aber der Zweite Weltkrieg, und als Jugendlicher bekam er den Ersten mit. Trotz dieser bürgerlichen Absicherung war Rüegg zeitlebens von Unruhe getrieben. Er reagierte heftig auf die politisch-sozialen Umwälzungen in der Welt und verlor die andere Seite der Gesellschaft, Armut und Vertriebene, nie aus den Augen. Das zeigt sich deutlich in seiner Bildwelt – aber auch in den sozialen Engagements für andere Künstlerinnen und Künstler. Dieser kritischen, hilfsbereiten Haltung Rüeggs folgend, haben wir für die Ausstellung mit den Bildern von Ercan Richter einige Bilder ausgewählt, die sich den Themen des sozialen Umbruchs widmen. Und: Naturstudien und Landschaften, die – wie bei Ercan Richter auch – weit mehr sind als das, was sie darstellen. Nämlich Symbole für Stimmungen, für Umbrüche und Bewegungen, seien sie individuell und persönlich oder kollektiv und gesellschaftlich.

Simon Maurer, Stiftungsrat

Öffnungszeiten Mi-Fr 12 – 18:30 Uhr, Sa 11 – 17 Uhr

Ausstellungsdauer 25.11.2022 – 11.02.2023

www.kunstsammlung-ruegg.ch

Location:
Stiftung Kunstsammlung Albert und Melanie Rüegg
Rämistrasse 30
8001 Zürich
Switzerland

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