Ian Anüll – Untitled®. Arbeiten auf Papier

Exhibition

in Solothurn / Switzerland
24.02.2018 - 13.05.2018 00:00
Ian Anüll - Untitled®. Arbeiten auf Papier

Im Graphischen Kabinett wird ein repräsentativer Überblick der Arbeiten auf Papier von Ian Anüll (*1948) gezeigt. Das Kunstmuseum Solothurn hat den Künstler bereits 2003 mit einer grossen Einzelschau vorgestellt. Ausgesuchte Werke waren aber auch in späteren Jahren zu sehen, in der thematischen Ausstellung “Das doppelte Bild” (2013) sowie in mehreren Accrochagen. Denn Ian Anüll ist mit mehreren Hauptwerken in der Solothurner Sammlung vertreten. Standen 2003 Gemälde, Objekte und Installationen im Fokus, wird nun, 15 Jahre später, sein eher selten gezeigtes Schaffen auf Papier vermittelt.

Das Werk Anülls zeichnet sich sowohl durch poetische Leichtigkeit wie ein spürbares inhaltliches Gewicht aus: Charakteristika, die auch für seine Arbeiten auf Papier massgebend sind. In einer breiten Auswahl von Exponaten, die die gesamte Schaffenszeit von den 1970er Jahren bis heute abdecken, wird deutlich, wie humorvoll und tiefgründig seine Blätter sind. Die Dichte von inhaltlichen, medialen und materiellen Aspekten ist verblüffend. So zaubert Anüll aus gefundenen Schnipseln mit dezenten Ergänzungen etwas Neues und gibt blossen Abfällen einen Wert zurück. Oder er durchlöchert und zerschneidet reale Geldscheine, um sie gleichsam umzuwerten. Neben der Vielfalt von Techniken wie Collage, Aquarell oder Zeichnung fällt der Reichtum von Stilen auf. Der Verzicht auf eine eigene, schnell erkennbare Handschrift erfolgt bewusst. Das für den Künstler selbst zum Trademark gewordene ® im Ausstellungstitel passt zum subversiven Spiel mit Marken und hinterfragt den Anspruch der Originalität. Mit dem Logo für “Registered Trademark” wird ein Bezug zu den Mechanismen des Kunstmarktes geschaffen. Hinter dem für den Kunstbetrieb so berüchtigten “Untitled” versteckt sich Anülls dadaistischer “Non-Sense”, der jedoch viel Raum für ein eigenständiges Sehen und Denken lässt.

Diese Eigenständigkeit, die Anüll von seinen Betrachtern erwartet, erreicht er selbst durch eine spielerische Souveränität im Umgang mit seinen gestalterischen Mitteln. In vielen Arbeiten hat er gefundene, weggeworfene Gegenstände als Grundlage für seine Arbeiten auf Papier verwendet. Diese Collagen machen aus einem Papierschnipsel ein Auto (O.T., 1992), lassen die Verpackung eines Bonbons zum Schuh werden (Zuckerschuh, 1992) oder erweitern eine einzelne Brotkrume zur kompletten Baguette (O.T., 1991).

Sehen und Denken, aber auch Mitfühlen und Spüren sind wichtige Komponenten in der Kunst Ian Anülls. Sinnlichkeit wird besonders dann evoziert, wenn der Künstler reale Esswaren wie Schokolade (Galaxie, 1995), Erdbeeren (Serie Erdbeeren, 1980er Jahre) oder Kaugummi (Serie Hollywood, 1985-95) gestalterisch verwendet. Durch die alltägliche Bekanntheit und Verwendung dieser Genussmittel wird ein direkter Bezug des Betrachtenden zum Kunstobjekt möglich. Die Wahrnehmung seiner Blätter erfolgt zwar vorerst über den visuellen Reiz, dieser transportiert aber durch die verwendeten Materialien Erinnerungen an Geschmack und Geruch mit. So wird ein unmittelbares – und eben sinnliches – Erlebnis von Kunst möglich.

Ein ähnlich direkter Zugang zeigt sich bei gesellschafts- und medienkritischen Themen. Mit seinem besonderen Interesse für Text und Typographie, die er aus Zeitungen ausschneidet, entlarvt er bild- und schrifttechnische Verfahren. Mit der ihm eigenen Ironie unterläuft er sie bildhaft. Textpassagen werden aus ihrem Kontext gelöst und konstruktivistisch behandelt (z.B. Picabia, 1996 oder Conception, 1995), und auf den Kopf gestellte Schriftzüge zeigen sich als neue Wörter (esel, 2017). Viele Werke kommen spielerisch daher – offenbaren aber bald einen “doppelten Boden”, der bestehende Mechanismen hinterfragt und zum Denken anregt.

Zu den neuesten Arbeiten gehört die Werkreihe “Lackskins” (seit 2012), die der Künstler nach einem für ihn unüblichen konzeptuellen Vorgehen entwickelt hat. Verschiedene postkartengrosse Formate wurden mit Industrielack übermalt. Dabei werden nicht nur die gleichnamigen Werke von André Thomkins (1930-1985), sondern auch das Actionpainting von Jackson Pollock (1912-1956) in Erinnerung gerufen. Besondere Brisanz erhalten diese Arbeiten, wenn man realisiert, dass als Farbträger Einladungskarten für Vernissagen dienen. Mit einer vernichtenden Handlung negiert Anüll die beworbenen Produkte des Kunstmarktes und schafft gleichzeitig ein neues Kunst-Produkt. Das “found object”, das Anüll bei seinen Collagen gestalterisch zum Bild erweitert, erweist sich nun als tatsächliche Grundlage für seine Kunst. Ironischerweise entsteht auf einer Reproduktion eines Originals ein neues Original. In der Sprache des Kunstmarktes: Ein Ian Anüll.

Robin Byland

Öffnungszeiten Di-Fr 11 – 17 Uhr, Sa/So 10 – 17 Uhr, Montag geschlossen

www.kunstmuseum-so.ch

Location:
Kunstmuseum Solothurn / Graphisches Kabinett
Werkhofstrasse 30
4500 Solothurn
Switzerland

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