Exhibition

in Luzern / Switzerland
09.01.2016 - 31.01.2016 15:00 - 20:30
Jürgen Beck - Escape Architecture

Sie tragen sentimentale Titel wie “Everybody Wins”, “Things Change”, “Kiss Me Goodbye” – die Filme aus den Achtziger- und Neunzigerjahren, die damals kaum jemand kannte, und an die sich heute noch weniger erinnern. Jürgen Beck lässt sie in seiner Arbeit für seine erste institutionelle Einzelausstellung in der Kunsthalle Luzern in einer Serie von neun grossformatigen Fotografien aufleben. Was er uns zeigt, sind jedoch keine kultischen Stills, keine Werbeplakate; nichts, was den einen oder anderen Film in Erinnerung rufen könnte, sondern die Vorderseite der im Atelier abfotografierten Pressbooks. Studios und Produzenten bewerben damit ihre Filme bei Vertrieben und Kinos, sie sind Dokumente jenes Unterfangens, dem im Fall dieser Filme kein Erfolg beschieden war: der profitablen Vermarktung. Von den typographisch individualisierten Filmtiteln abgesehen, erscheinen sie clean und gleichförmig. Die Schatten lassen erkennen, dass es sich bei den Motiven um Objekte mit Tiefe handelt, aber dennoch fällt es zuweilen schwer zu bestimmen, wo Pressbook und Hintergrund aufeinander treffen. Das Format der Fotografien wiederholt das kleinere, immer gleiche Format der Pressbooks. Es sind hier keine found objects mehr, sondern fotografische Abbildungen davon. Falten und Knicke im Material, der Index ihrer Zirkulation, verweisen zwar darauf, dass die Pressbooks verwendet wurden, mehr Hinweise auf ein Kino oder eine Person, die sich die Mappe angeschaut haben könnte, enthalten sie dennoch nicht; keine Telefonnummern, keine Notiz.

Zu der Serie gehört eine kleine, eigens für diese Arbeit produzierte Vitrine mit demselben schlichten Weissanstrich wie die Rahmen der Fotografien. Mit ihrer besonderen Öffnung über anderthalb Seiten erinnert sie an einen Beistelltisch von Eileen Gray aus der Dreissigerjahren – eine sorgfältig inszenierte Referenz, die ihr Pendant in der Fotografie eines Odeon Kinos von 1937 findet. Die Fotografie wird umrandet von den Titeln der Wandfotografien. Das Thema bleibt das Kino, aber es funktioniert hier gänzlich anders. Das Bild ist dokumentarischer, etwas elegisch. Es zeigt die typische Architektur einer besonderen Epoche, in der das Versprechen des Kinos, ein Teilversprechen der Moderne, vielleicht noch galt. Das Kino sollte eine Ausflucht aus der Beschleunigung der Welt sein, die anonyme Intimität des Kinosaals eine klar geregelte, spektakuläre Synkope im Alltag der Besucherinnen. Dieses Versprechen sollte sich auch architektonisch in neuen Gebäuden niederschlagen, doch heute sind diese Architekturen wieder verschwunden oder dabei zu verschwinden. Die Öffnung der Vitrine, die den Beistelltisch aufgreift, auf dem wir Zeitungen und Magazine auswechseln, markiert hier Austauschbarkeit. Die eckigen Klammern unter der Fotografie scheinen frei gelassen für die Inventarnummer des Kinos, aber die Stelle bleibt leer. Das Objekt ist da, und zugleich verloren, unauffindbar, wenn es ausgetauscht werden sollte.

Jürgen Becks Arbeiten spielen mit der Nostalgie für eine vergangene Zukunft, ohne sich ihrer Sentimentalität hinzugeben. Dem evozierten Versprechen des Kinos, das auch die Filmtitel implizit transportieren, wird die sich wiederholende Affizierung, seine serielle Produktion und damit seine Austauschbarkeit entgegen gehalten. Anders gesagt: Die Sentimentalität der Nostalgie wird in den kalten Fluss des Kapitalismus ausgeleert, zu dem sie gehört.

David Misteli, 2015

Jürgen Beck ist 1977 in Tübingen geboren und hat an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und an der École Nationale des Beaux-Arts Lyon studiert. Von 2008 bis 2010 war er Meisterschüler bei Christopher Muller ebenfalls an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und anschliessend ein Jahr als Assistent im Studio Sharon Lockhart in Los Angeles tätig. Von 2012 bis 2015 war er Assistenz an der Hochschule Luzern, Abteilung Architektur, Fachbereich Gestaltung; seit dem Sommer 2015 ist er Stipendiat im Atelier der Stadt Zürich in Genua.

Kuratiert von Michael Sutter.

Die Kunsthalle Luzern dankt für Unterstützung:
Stadt Luzern FUKA-Fonds, regionalkonferenz kultur region luzern, Ernst Göhner Stiftung, Luzerner Bier, l’équipe [visuelle], Casimir Eigensatz Stiftung, Gemeinnützige Gesellschaft Luzern

Öffnungszeiten Mi-So 15 – 20.30 Uhr

www.kunsthalle-luzern.ch
www.juergenbeck.com
www.wsunsetandhyperion.com

Location:
Kunsthalle Luzern
Löwenplatz 11
6002 Luzern
Switzerland

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