Lukas Salzmann – Sehen sehen

Exhibition

in Zürich / Switzerland
14.11.2019 - 08.02.2020 00:00
Lukas Salzmann - Sehen sehen

Fotografien sind die Auslöser von Lukas Salzmanns Malerei. Was jemand für sehenswert hielt und es deshalb fotografisch festhielt, erweitert er um eine malerische Dimension, Vision – die ihrerseits wieder “gesehen” wird. Salzmann erforscht und fordert mit seiner Kunst die Wahrnehmung heraus. Virtuos spielt er mit der Interpretierbarkeit von Bilddarstellungen. Ein ernstes Spiel – denn die Interpretation (auch sie eine doppelte, die des Malers und die der Betrachtenden) öffnet Spannungsfelder zwischen Idylle und Katastrophe. Und genau darauf hin, auf diese Ambivalenzen, Zweideutigkeiten, Verunsicherungen ist Salzmanns Kunst angelegt. Verunsicherungen, die uns letztlich sicherer machen sollten: Denn sicher sind wir nur in der Unsicherheit.

Es ist ein besonderes Erlebnis, Lukas Salzmanns Bilder am Handy zu verfolgen. Warum? Weil man Details heranzoomen kann. Man fühlt sich dabei fast ein wenig wie ein Kriminologe, der einem versteckten, geheimen Hinweis auf der Spur ist. Dieses Hintergründige, Doppelbödige ist eine Eigenart von Salzmanns Kunst. Wenn man sich Musik dazu denken müsste, wäre es Filmmusik. Musik mit doppeltem Boden. Wo führt sie hin? Ins Gute oder ins Verderben? Oder, noch etwas zugespitzter: Easy Listening. Weil dieses leichte Hören ein Vorwand sein könnte, weil sich dahinter schwere Botschaften versteckten.

Dieses Unsichere, Unheimliche ist durchaus ein Kennzeichen unserer Zeit. Es ist nicht auszuschliessen, dass der vermeintlich sorgenfreie Samstagnachmittagseinkauf in einem Einkaufszentrum in einem Terroranschlag endet. In einem vermeintlich sicheren Land wie – sagen wir – Schweden. Oder: in der Schweiz. Die Unsicherheit verfolgt uns. Wo Menschen sind sowieso. Und wo Extremwetter auftreten können, auch. Also praktisch überall.

Lukas Salzmanns Kunst ist deshalb so perfide und so wichtig in unserer Zeit, weil sie das Gefühl dieser Unsicherheit selber tarnt. Denn was er uns zeigt, sind meist Wunschträume und Idyllen. Diese idealen Szenarien unterminiert und zersetzt er mit Zweit- und Drittbotschaften, die leise und untergründig mitschwingen. Ein gutes Beispiel ist dieses leere Boot, das in einem verwunschenen Gewässer treibt. Wer sich ein wenig in der Malerei auskennt, denkt sofort an den Garten von Giverny, an Claude Monet. Das Bötchen treibt denn auch tatsächlich auf das Spiegelbild eine dieser typischen Brücken zu, die sich mit ihren ziselierten Geländern romantisch über die Wasserläufe schwingen. Aber warum steht dieses seltsam crèmefarbene, fast weisse Boot leer im Wasser – leer bis auf ein herrenloses Ruder? Warum geniesst hier nicht ein frisch verliebtes Paar das zauberhafte Nachmittagslicht? Der Idylle sind die Menschen verloren gegangen. Vielleicht sind sie ja sogar untergegangen. Vielleicht gab es kurz zuvor ein Verbrechen. Vielleicht liegt das Pärchen im dunklen Wasser?

Es sind solche Spekulationen, zu denen Salzmanns Kunst animiert, ja verleitet. Es ist nicht immer so, dass er seine Szenarien ohne Menschen baut. Im Gegenteil. Auffällig ist, wie häufig seine Figuren Frauen sind. Männer kommen selten vor. Als ob sich der Künstler gern in die Welt von Frauen hineindenken, hineinträumen würde. Diese geheimnisvolle, für Männer undurchschaubar wirkende Welt. Ein Klischee? Ein Klischee mit Wahrheitsgehalt? Es gibt auch dieses Bild mit den – pardon – zwei Ärschen. Ein Männertraum. Zwei halbtransparent gewandete Beauties von hinten, beide mit blondgelockten Löwenmähnen, ihre wohlgeformten Hinterteile uns zuwendend. Es scheint, so der Künstler, auch Frauen zu geben, die genau dieses Bild besonders mögen. Wobei sich schon die Frage stellt, ob so was in der heutigen Zeit noch “erlaubt” ist. Genau deshalb, so könnte argumentiert werden, hat der Künstler dieses Bild gemalt. Es ist keine allzu krasse Provokation. Nur ein Hinweis darauf, wie sich die Zeiten geändert haben. Denn die Vorlage zu diesem Bild war ein zwanzig Jahre altes Cover des Stern-Magazins. Darf man den Künstler dafür tadeln, dass er vorführt, wie sich die Zeiten gewandelt haben? Dass er uns fragt, ob sie sich wirklich so sehr gewandelt haben? Dass er uns mit der gesellschaftlichen Wahrnehmung konfrontiert?

Diese Kunst ist verführerisch. Sie lockt die Betrachtenden in die Bilder wie in Fallen. Sie lockt mit Schönheiten, mit Begehrenswertem, mit dem Ziel aller Träume – und kaum hat man sich diesen Idyllen hingegeben, dräut eine Ahnung, dass sich irgendwo Unheil verbergen könnte. Die wunderbare Veranda eines amerikanischen Landhauses, auf der sich genüsslich ein abendliches Bier trinken liesse, ist umgeben von Tausenden von Krebsen, die alles und jeden knacken. Und um den schönen Porträtkopf finden sich Käfer. Die coolen Interieurs aus Wohnkatalogen erinnern an James-Bond-Filme – vielleicht warten hinter polierten Oberflächen Waffenarsenale nur darauf, zum Einsatz zu kommen.

Salzmanns Welt ist eine brüchige, zweischneidige. Es ist auch die unsrige. Nur wollen wir das lieber nicht wahrhaben. Lieber würden wir uns vollends sicher, total geborgen, völlig aufgehoben fühlen, in einer warmen Umgebung, in der uns nichts zustossen kann. Manchmal malt Salzmann tatsächlich Bilder, denen dieser Bruch fehlt. Dieses grosse Bild eines Bergbachs im Wald zum Beispiel. Oder das Bild der zwei tanzenden Frauen, in ihren faszinierend gemusterten Kleidern. Sie ziehen uns unwiderstehlich an, weil sie archetypische Wunschträume berühren. Wir vergessen uns in ihnen – sind bei diesen drei weissgewandeten Kindern, die in einer Ruine ihren Weg gehen. Sie wissen genau, wohin. Sie haben ein klares Ziel. Es sieht fast aus wie ein Ritual. Ist es das, was wir uns wünschen? Diese Klarheit? Dieses Ziel? Diese uneingeschränkte Fokussiertheit von Kindern?

Aber dann wird uns wieder bewusst, dass es Bilder von Lukas Salzmann sind. Und im Kontext dessen, was wir von ihm kennen, dämmern plötzlich Zweifel herauf, ob wir dieser Schönheit, diesem Frieden trauen können. Als ob uns dieser Künstler mit eben gerade diesen Bildern sagen wollte: Glück ist ein seltenes Gut. Meist wird es belauert von Unglück. Wenn es mal da ist, das Glück, sollten wir es aufsaugen und mit allen Sinnen geniessen.

Dann schliesslich dieses Bild mit den zwei Mädchen, die – eigentlich sehr merkwürdig – an einem Drahtzaun hängen. Einem Drahtzaun! Eigenartiges Spielzeug. Ihre Selbstvergessenheit ist einnehmend. Eines von ihnen beugt sich vornüber, das andere reckt sich nach hinten. Als ob sie ihre adoleszenten Körper schon mal testen würden – für das, was da kommen mag. Und schon sind wir wieder in der Falle. Denken an Balthus. Denken an Voyeurismus. Denken an Kinderpornographie. Denken über die Interpretierbarkeit, über die Vieldeutigkeit von Bildern nach. Denken über unser Sehen nach.

Sehen sehen. Modellhaft vorgeführt auf der Einladungskarte zu dieser Ausstellung: Im Louvre, mit diesen zwei Rückenfiguren, denen der Künstler beim Sehen über die Schulter sah. Anderen zusehen wie sie sehen. Uns selber zusehen wie wir sehen. Unser Sehen reflektieren. Hinter uns zurücktreten. Uns selber über die Schultern schauen.

Diese Reflexionsarbeit leistet Salzmanns Kunst nicht primär in einem theoretischen Sinn, sondern indem er uns ganz praktisch in die Bilder hineinzieht. Indem er uns diesen Ambivalenzen, Zweideutigkeiten und Verunsicherungen zwischen Idylle und Katastrophe aussetzt. Natürlich ist es nicht nur angenehm, sich verführen zu lassen – und sich dann in diesem Zwiespalt wiederzufinden. Aber es entspricht unserer Gegenwart. Und je mehr wir uns darin trainieren, uns in diesen unsicheren Gefilden zu bewegen, desto sicherer fühlen wir uns. Es mutet wie eine infame Gemeinheit an, dieser Satz, wonach wir sicher nur in der Unsicherheit sind. Aber in Zeiten, in denen die Sicherheit rar wird, tut man gut daran, sich im Unsicheren zu üben.

Insofern leistet diese Kunst, die zunächst so unscheinbar nach Kunst-Kunst aussieht, durchaus einen gesellschaftlichen Beitrag. Sie ist eine Schule der Wahrnehmung. Einer Wahrnehmung, die weit über das Sehen hinausgeht. Denn ist es nicht so, als ob wir die Düfte in diesem Garten mit dem Boot mit riechen würden? Zu einer kompletten Wahrnehmung würde auch ein Mückenstich gehören, der sich während unseres Atelierbesuchs ereignet, erklärt uns der Künstler seine Position. Sein ultimativer Traum wäre, auch die Empfindung dieses Mückenstichs in seine Malerei zu integrieren. Seit vierzig Jahren zieht er nun Fotografien bei zur Entwicklung seiner Malerei – ein vermeintlich präzises Reproduktionsmedium dessen, was sich Realität nennt. Die Fotografien sind ihm gezielt gesuchte Auslöser für die Entwicklung einer umfassenderen Wahrnehmung. Einer Wahrnehmung, die auch Gerüche, Gefühle, Ahnungen miteinschliesst. Eine Wahrnehmung, die sich bis hin in entlegene Projektionen, verzerrte Visionen des Wahnsinns erstrecken mag. Eines Wahnsinns, der, wie wir jeden Tag lesen, ganz nah am Alltag sich ereignen kann. “Ich möchte jene Dinge mit Malerei festhalten, die einem nah und doch unbegreiflich sind”, erklärt Salzmann – zugleich Realist und Erfinder, Maler und Psychologe. Unbegreiflich sind seine Bilder auch dann noch, wenn man sie gesehen hat. Das ist das Wunderbare an der Kunst: dass sie keine fertigen Lösungen bereitstellt. Die Kunst bietet sich an zum Tanz mit dem Unbegreiflichen. Geht die Musik aus, hat man sich auf diesen Tanz eingelassen. Hat geflirtet mit dem Unbegreiflichen. Aber schon hat es sich wieder entzogen. Erfassen, ergreifen, besitzen wird man es nie.

Simon Maurer, Stiftungsrat

Öffnungszeiten Mi-Fr 12 – 18:30 Uhr, Sa 11 – 17 Uhr

www.kunstsammlung-ruegg.ch

Location:
Stiftung Kunstsammlung Albert und Melanie Rüegg
Hottingerstrasse 8
8032 Zürich
Switzerland

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