Exhibition

in Zürich / Switzerland
12.04.2017 - 28.04.2017 17:00 - 19:00
Maia Hänny - einverleiben

Essen ist ein menschliches Grundbedürfnis, das täglich befriedigt werden will. Wird der Embryo im Mutterleib durch die Nabelschnur ernährt, muss der Säugling nach seiner Geburt Nahrung aufnehmen und verdauen. Das heisst, etwas Fremdes in den eigenen Körper einführen und es umwandeln, dem Körper anverwandeln. Dies ist kein einfacher Vorgang. Essen ist lebensnotwendig, hat aber auch etwas Bedrohliches: Unser Körper öffnet sich, wird verletzlich, interagiert mit einer anderen Materie. Essen ist im wahrsten Sinne eine Grenzerfahrung. Beim Essen zeigen sich elementare Triebe und Emotionen, die wir später auch auf weniger konkrete Gebiete verschieben: Gier, Scham, Lust und Ekel. Ein Raubtier stürzt sich auf seine Beute und verschlingt sie ohne Umstände, während der “zivilisierte” Mensch versucht, den Vorgang zu kontrollieren, indem er ihn Regeln und Tabus unterwirft. Norbert Elias zeigt in seinem Prozess der Zivilisation, wie Tischsitten Fremdzwänge zu Selbstzwängen machen. Wo, was, wann, wie und mit wem darf gegessen werden? Der Umgang mit Essbarem sagt viel über eine Kultur und Gesellschaft aus.

Maia Hänny hat sich früh schon mit diesen Fragen beschäftigt. Zwei Videos aus den siebziger Jahren zeigen Menschen beim Essen in einem unterschiedlichen Setting: Die Künstlerin filmte auf dem Markt in Düsseldorf mit versteckter Kamera essende Menschen in der Öffentlichkeit. Gegessen wird stehend und schwatzend, oder allein in der Menge, hastig, im Vorbeigehen. Das abgebissene Stück Sandwich beult die Backe aus, verzerrt das Gesicht. Man will nicht von fremden Menschen beim Essen beobachtet werden, wendet sich schamhaft ab. Ganz anders das Video mit der Künstlerin, die alleine direkt vor der Kamera sitzt, nackt, weiss geschminkt, vor sich einen Teller mit rohem Fleisch. Von Hand steckt sie sich Stücke in den Mund, kaut. Die Kamera musste alle paar Sekunden neu aufgezogen werden, die zusammengesetzte Bewegung hat etwas Ruckartiges. Die Künstlerin setzt sich mit dem tierischen Vorgang der Nahrungsaufnahme auseinander, führt ihn in einer ruhigen Selbstverständlichkeit vor, die gerade dadurch befremdet.

Zwei Ölbilder zeigen je einen Menschen vor seinem Essen: Frontal, nur in Umrissen, eine weisse Gestalt, mit der Hand in der roten Masse auf dem Teller – im Profil eine andere mit offenem Mund, die sich mit der Hand einen Kirschstrudel zuführt.

Der offene Mund findet sich in einer neuen Arbeit wieder, einer 3D-Animation. Die Künstlerin hat am Computer acht menschliche Köpfe konstruiert und mit einer betonartigen Oberfläche überzogen. Sie lässt die Köpfe in Serie den Mund aufreissen – von vorne und im Profil. Dabei bewegt sich die Zunge nach vorne, die Augen verengen sich. So unterschiedlich die Proportionen der Köpfe, so elementar- kreatürlich der weit offene Mund: Zum Schrei, zum Essen? Die Geste lässt an Säuglinge denken, an Vogeljunge, die ihren Schnabel aufsperren, hat aber nichts Rührendes, im Gegenteil etwas Fremdes, Eigenartiges. Die Individualität verliert sich im seriellen Geschehen. Dazu mischt Maia Hänny Töne aus der Kehrichtverbrennungsanlage, an der sie täglich vorbeikommt – auch diese stellt eine Form der Einverleibung und Umwandlung dar.

Maia Hänny bearbeitet Standbilder aus ihren Computer-Animationen und druckt sie einzeln aus. So der übergrosse Lollipop, der an die Weltkugel denken liesse, wäre da nicht der dünne mit einem Spiralband umwundene Stil. Farben, Licht und Schatten, Transparenz und Mattigkeit bestimmen die Wölbung, auf der sich die Aussenwelt spiegelt. Ein Kind steckt den Schleckstängel in den Mund, nimmt ihn aber auch wieder heraus, berührt und betrachtet ihn. Der Stil in der Hand verleiht ihm die Kontrolle über das Einverleiben, das es auch wieder rückgängig machen kann.

Eine andere Art des Schleckens und Saugens zeigen die drei Ölbilder mit dem bonbonlutschenden Kind: Der Mund schliesst sich fest und konzentriert, die Saugbewegung höhlt die Backen aus, die steile Stirnfalte betont die Anspannung. Der süsse Geschmack wird ausgekostet, vielleicht stellvertretend für alles, was das Kind entbehren muss. Dann geht der Mund wieder auf, will mehr. Auch hier ist nichts Niedliches oder Anekdotisches zu sehen, sondern eine bekannte Erfahrung wird beklemmend, fast verstörend.

Essen, der natürlichste Vorgang der Welt? Der beharrliche, neugierige Blick auf ein allgemeinmenschliches Thema lässt es neu erscheinen, rückt ungeahnte Aspekte ins Zentrum, zeigt Intimes und wahrt doch die Fremdheit, wandelt sich die Welt an und hält sie gleichzeitig auf Distanz – dies vermag Maia Hännys Kunst.

Text: Ruth Gantert

Die Künstlerin ist an der Vernissage und jeweils am Freitag in der Ausstellung anwesend.
Öffnungszeiten Mi-Fr 17 – 19 Uhr, Sa 14 – 17 Uhr

www.r57.ch

Location:
KunstRaum R57
Röschibachstrasse 57
8037 Zürich
Switzerland

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