Exhibition
in Schaffhausen / Switzerland
- Maja Roncoroni: Teil der Installation “bewahren”, Foto Maja Roncoroni
In ihrer Ausstellung “lückenhaft” im Südraum der Vebikus Kunsthalle Schaffhausen zeigt die Zürcher Künstlerin Maja Roncoroni (*1966), wie sie mit Erinnerungen umgeht. Mit feiner Beobachtung, Ironie, Humor, Spielfreude und künstlerischer Ästhetik verflicht sie in ihren Werken Vergangenheit und Gegenwart. Roncoronis Fotografien, Collagen und Installationen wecken Emotionen und inspirieren die Betrachtenden zu eigenen Rückschauen. Wie klingt, schmeckt, riecht Erinnerung? Die Werke evozieren solche Fragen, die man nur für sich selber beantworten kann.
Wie und weshalb erinnert man sich – oder eben nicht? Das eine behält man tief in sich drin, anderes wird vergessen oder verdrängt. Gibt es eine allgemein gültige Wirklichkeit oder entsteht eine solche nur im Gedächtnis jedes einzelnen? Wie verlässlich ist dieses Gedächtnis? Maja Roncoronis Werke sind das Ergebnis einer intensiven Beschäftigung der Künstlerin mit ihrer ureigenen Erinnerung. Sie kehrt zurück an die Orte ihrer Vergangenheit, im Geiste, aber auch real.
Für das Werk “In der Ey 21, Zürich-Albisrieden” ging Roncoroni wochenlang jeden Montag um die gleiche Zeit zu ihrem ehemaligen Wohnhaus in Zürich-Albisrieden, um dessen Abbruch fotografisch zu dokumentieren. Mit jedem Stück Haus, das verschwand, kam ein Stück Erinnerung zurück. “lückenhaft”: Der Rückbau des Hauses hinterlässt eine Lücke, nicht nur im Stadtbild, sondern auch in der Vergangenheit der Künstlerin. Diese Lücke überbrückt sie, indem sie den Fotografien des Abbruchs Bilder aus dem Familienalbum gegenüberstellt. Berührend persönlich, wirft sie einen neuen und gleichzeitig vielleicht letzten Blick auf etwas, das am Verschwinden ist.
Grundlage für die “genähten Collagen” ist Bildmaterial aus dem ETH-Archiv, wo Maja Roncoroni alte Aufnahmen ihres Kindergartens, ihrer Schulhäuser, von Orten, an denen sie viel Zeit verbrachte, fand. Diese Fotografien nimmt Roncoroni als Projektionsfläche für ihre Erinnerungen. Sie kopiert die Archivbilder auf leere Silva-Buchseiten (Silva-Bücher begleiten die Künstlerin seit vielen Jahren in ihrer Kunst), zerknüllt und streicht sie wieder glatt, so lange, bis das Papier sich wie Stoff anfühlt und zusammennähen lässt. Wie auch Erinnerungen beim Hervorholen oft bunter werden, als die Realität war, ergänzt Roncoroni die schwarz-weissen Bildflächen mit farbigen, aus Silva-Büchern ausgeschnittenen Motiven und gestempelten Texten. Die Werke mit Titeln wie “Geschichtsprüfung”, “Handel im Haifischbecken”, “Anfänge” oder “Wohnen proben” sind Collagen einer persönlichen, emotionalen Reise in die Vergangenheit, traumartig und geheimnisvoll.
Wie klingt Erinnerung? Musik ist ein Toptransporteur von Wehmut, Sehnsucht und Verklärung. “klingt erinnern” und “abgespielt” lassen manchen Betrachtenden zurückdenken an die Zeiten, als es noch Kassettenrecorder gab und man selber Mix Tapes erstellte. Mit zuverlässiger Regelmässigkeit verhedderte sich das Magnetband im Abspielgerät. Dieses Geräusch … unvergesslich. Man musste das zerknitterte Stück wegschneiden, die losen Enden zusammenkleben und das Band mit einem Bleistift wieder aufspulen. An der geflickten Stelle fehlte ein Stück Musik, sie wurde “lückenhaft”.
Riecht oder schmeckt Erinnerung? In der “Bazocka”-Reihe feiert Maja Roncoroni den kultigen Kaugummi, der eigentlich Bazooka hiess (und heisst), gut Deutsch aber mit scharfem Zett, kurzem O und hartem CK ausgesprochen wurde. Jede Kaugummiverpackung enthielt ein Selbstklebe-Tattoo, mit Wasser, notfalls Spucke, auf die Haut zu übertragen. Nach einigen Tagen waren die Sujets allerdings nur noch “lückenhaft” zu erkennen. Die Fotoserie “auf immer und ewig” veranschaulicht den Verlauf dieses Abblätterns. Und was passierte mit den ausgekauten Kaugummis? Sie wurden ganz einfach “hinterlegt”.
In der Installation “bewahren” zeigt Roncoroni Möglichkeiten der Konservierung auf. Einkochen, salzen, fermentieren, dörren, vakuumieren: egal, welche Art gewählt wird, das Produkt ist zwar noch da, aber anders in Form und Geschmack. Auch Erinnerungen verändern sich, werden verzerrt, erfunden, vermischt. Zähne, die keine sind (“Zahn um Zahn”), eine Gedenktafel, die hängt, bevor das Ereignis zu Ende ist (“Ohne Titel” Messingplatte mit Gravur), Tattoos, die nicht ewig halten… Maja Roncoroni spielt mit Täuschung und (vermeintlicher) Realität.
“lückenhaft” – der Titel der Ausstellung von Maja Roncoroni spiegelt sich auf die eine oder andere Art in allen gezeigten Werken. Die Künstlerin taucht tief ein in ihr Inneres, hebt verborgene Schätze und bewahrt sie in ihrer Kunst. Momente, Gefühle, Fragmente der Erinnerung, verdichtet im Kaleidoskop ihrer subjektiven Wirklichkeit. Direkt oder indirekt beflügelt die Künstlerin mit ihren Werken die Imagination der Betrachtenden. Das Werk “Ohne Titel”, ein Diaprojektor, zeigt leere Bilder. Lücken, die jede und jeder selbst füllen kann.
Cornelia Wolf
Maja Roncoroni (*1966), aufgewachsen in Zürich, wohnt und arbeitet in Rikon ZH. Seit 2014 stellt sie ihre Arbeiten in Einzel- und Gruppenausstellungen aus. In ihren bisherigen Ausstellungen in Schaffhausen befasste sie sich mit den Räumen, in denen sie ausstellte. In “Nachdruck” (2022) liess sie die Spuren der ehemaligen Unionsdruckerei auf sich wirken, in “Kammerspiel” (2023) inspirierten sie die Geister einer Wohnung, aus der gerade ausgezogen wurde, in “Dem Abschied auf der Spur” (2024) inszenierte sie zum Ende der Galerie Reinart eine Hommage an deren Räume.
Öffnungszeiten Do 18 – 20 Uhr, Fr 16 – 18 Uhr, Sa/So 12 – 16 Uhr
Ausstellungsdauer 25.10. – 14.12.2025
www.vebikus-kunsthalle-schaffhausen.ch
www.majaroncoroni.ch
Location:
Vebikus Kunsthalle Schaffhausen
Baumgartenstrasse 19
8200 Schaffhausen
Switzerland

