Exhibition
in Zürich / Switzerland
- Malerduo Boskovic-Scarth: Einhorn (Zürich), 2025, Acryl, Kohle und Wachspastell auf Papier, 150 x 220 cm
- Malerduo Boskovic-Scarth: Krähenbäume (Altstetten), 2026, Acryl auf Leinwand, 91 x 134 cm
- Malerduo Boskovic-Scarth: Überfahrener Dachs (Toggenburg), 2022, Acryl, Kohle und Wachspastell auf Papier, 145,5 x 115 cm
- Malerduo Boskovic-Scarth: Windiger Tag (Altstetten), 2026, Acryl auf Leinwand, 53,3 x 63 cm
Das Malerduo Boskovic-Scarth fällt definitiv auf in der jungen Zürcher Kunstszene. Lorenz Bachofner Bošković und Vincent Scarth malen “Schulter an Schulter” und tauschen sich in entwaffnender Ehrlichkeit permanent über “sämtliche Unsicherheiten, Zwickmühlen, Fragen und Entscheidungen” in ihrer Arbeit aus. Das Resultat sind ebenso schrille wie liebevolle Alltagscollagen, die Grosses und Kleines im Wortsinn und im übertragenen Sinn miteinander paaren. Was die beiden wie zwei nur scheinbar träge Fischer aus den Untiefen ihres Erlebten, Erträumten und Erfundenen schöpfen, ist in seiner Kombinatorik und Komposition ungemein gewitzt und durchaus scharf- und tiefsinnig – als Chronik unserer komplett verwirrten Zeit. Und: Es passt ausgezeichnet zu unserem rasenden Malerreporter Albert Rüegg. Sie dürfen sich freuen auf eine entdeckungsreiche Ausstellung, die Spass macht und Tiefgang hat.
An einer stark befahrenen Strasse in Zürich-Altstetten arbeiten Lorenz Bachofner Bošković und Vincent Scarth in einem kleinen Zimmer mit einem noch kleineren Lagerräumchen nebenan. Das Haus ist alt, bestimmt war das mal eine Wohnung. Die Bausubstanz so, wie sie halt damals war, als das Haus wohl in den Fünfzigerjahren gebaut worden ist. Im Erdgeschoss hat eine Gruppe Unentwegter erstaunlich viel Geld investiert in Musikstudios. Die Co-Leiterin des Kunstraums la_cápsula im Kreis 4 und eine bekannte Künstlerin tragen gerade zusammen mit ein paar anderen guten Seelen Möbel und einen Kühlschrank die steile Treppe bis ins Nachbarzimmer des Malerduos hoch: Hier wird bald eine Künstlerin, wohl aus Südamerika, temporär arbeiten. Das Haus – wie könnte es anders sein in Zürich-Altstetten – ist trotz diesen materiellen und immateriellen Investitionen dem Abbruch geweiht. Genauso wie das Koch-Areal gleich gegenüber, auf der anderen Seite der Strasse, und genauso wie das Atelierhaus in der benachbarten Flüelastrasse in einem wunderbaren Klinkerbau, der unbedingt geschützt gehört hätte. Die sind beide schon weg. Wir hatten darüber abgestimmt.
Ich meine mich zu erinnern, dass ich, hin und hergerissen, schliesslich aus Trotz Nein gestimmt hatte. Nein gegen die Vertreibung des eigenständig gewachsenen Kulturbiotops des Koch-Areals, das ich für unbedingt erhaltenswert hielt, und Nein gegen die städtische Grossüberbauung, in der wie im James-Haus und im Freilager-Areal in unmittelbarer Nachbarschaft auch schon ein paar “happy few”, möglichst ohne Migrationshintergrund, lebenslang günstigen Wohnraum finden. Wer zuvor hier gelebt hatte, ob Hausbesetzer*innen oder ganz normale Menschen, die den Alltag in dieser Stadt am Laufen halten – Arbeiter*innen, Gemüseverkäufer*innen oder Pfleger*innen aus Portugal, Italien, dem Balkan, der Türkei oder auch aus der Schweiz – seit Jahrzehnten mit ihren Familien hier, fliegen raus aus dieser Stadt. Weil sie sich die Mieten der nachfolgenden Neubauten nie und nimmer leisten können – die sind halt dann doppelt oder gut und gern auch dreimal so hoch.
In Zürich-Altstetten findet gerade eine Umwälzung der Bevölkerung in grösserem Stil statt. Von denen, die rausfliegen, haben wir schon gesprochen. Wer rein kommt, spricht englisch, spanisch oder hochdeutsch, kommt für ein paar Jahre hierher, um gute Schweizer Franken zu verdienen, arbeitet hart, geht ins Gym und engagiert sich nicht wirklich für die Gesellschaft, weil man noch gar nicht richtig angekommen und im Kopf schon wieder halb weg ist. Deshalb bleibt man auch mit Vorteil unter sich, irgendwie ja verständlich.
Das Quartier wird umgegraben – Baustelle reiht sich an Baustelle und wird über Jahre von Strasse zu Strasse weiterverschoben. Ich wohne auch hier, direkt an der Badenerstrasse. Seit die parallel geführte Baslerstrasse zum Velo-Highway umfunktioniert wurde, gibt es hier doppelt so viel Verkehr. Im Zeichen der Quartierberuhigung. Für die einen ist das gut, für die anderen weniger – weil an den grossen Durchgangsstrassen halt tatsächlich auch noch Menschen wohnen. Die Luft ist neuerdings so, dass ich mir überlege, ob ich die Fenster meiner Studiowohnung wirklich zum Lüften öffnen soll. Weil pures Gift reinkommt, ein Gemisch aus Abgasen und Feinstaub. Ich bin ein bisschen herumgekommen in der Welt, aber solche Luft habe ich noch nirgendwo geatmet – nicht im dafür berüchtigten Peking, nicht in Bangkok, nicht in Mumbai und schon gar nicht in Dakar oder in Rio de Janeiro.
Manchmal denke ich, dass in Zürich nicht die Kultur, sondern das Bauwesen subventioniert ist. Nur spricht man in der Kultur von Subventionen. Im Bauwesen sind das ganz normale “Aufträge”. Die Auftragsbücher der Baufirmen sind über Jahre im Voraus schon so prall gefüllt, dass wir getrost von Staatsfirmen sprechen können. Der Staat bezahlt sie, die Gewinne werden privatisiert. Jetzt muss ich aufhören – sonst wird das immer länger und immer noch böser. Nur eins noch: In einer “anderen Stadt”, am Züriberg zum Beispiel oder im Kreis 6, wäre so etwas nie möglich. Die Anwohner würden sich das nie bieten lassen, sie würden sich wehren. Aber in Zürich-Altstetten kann man das machen: Hier wehren sich die Menschen nicht. Wie der Sri-Lankische Kioskbesitzer, dem sie gerade sein neues Geschäft über viele Monate, ja Jahre komplett kaputt machen, weil es nun eingehegt ist von Bauzäunen. Er weiss nicht, dass er sich wehren kann. Kann er sich überhaupt wehren? Kaum. Ausserdem hat er Angst davor.
In diesem Quartier arbeitet also das Malerduo Boškovic-Scarth. Es malt nicht direkt, was ich zuvor beschrieben habe. Aber die Stimmung kommt doch ganz gut rüber. Es malt Jugendliche, die herumhängen. Und setzt ihnen Heiligenscheine auf. Die, die niemand mag, werden heiliggesprochen. Detailverliebt widmet sich das Malerduo ihren Klamotten. Und den Zigarettenkippen und Energy-Drink-Dosen, die als Ausdruck von Trotz zurückbleiben, wenn die Jungs sich verlagern. Den Trash der “deplorables” – und die “deplorables” (Hillary Clinton) als Trash, werden vom Malerduo heiliggesprochen. Trash bekommt Aura, wird numinos. Das Malerduo malt Menschen, die dick eingepackt auf einem Bahnhofsperron dahingehen, die warten, in ihre Handys starren. Das Wetter ist auch immer grau. Oder es malt eine Schar von Raben, die über dem Bahnhof Altstetten aufsteigen, über “ihren Bäumen”. Unten das übliche Kommen und Gehen der Menschen. Jede und jeder für sich, in sich. Analog gerade noch scheinpräsent, den Kopf aufs Digitale fokussiert.
Es ist nicht so, dass die beiden Maler das alles direkt kritisieren würden. Eher beobachten sie es. Mit einem Gefühl von – Mitgefühl. Weil sie wissen, dass wir alle auch dazugehören. Wir sind alle auch Kinder unserer verwirrten, verirrten Zeit. Eine Generation älter neige ich dazu zu sagen: Opfer unserer Zeit. Aber das wäre den beiden bestimmt zu moralisch. Und zu bewertend. Sie: blicken lieber nochmals auf die Raben, in und über ihren Bäumen. Ich frage mich: auch die Raben – Opfer? Natürlich, Vögel hört man kaum mehr. Die Schweiz hat es gerade geschafft, ihre Biodiversität in ungefähr 25 Jahren zu halbieren. Aber wen kümmert das? Und wenn dann mal ein Berg runterkommt, wie jüngst in Blatten, jammern alle lauthals. Um nachher genauso weiterzumachen wie zuvor.
Dann – fällt der Satz, mit dem ich diesen Text eigentlich anfangen wollte, bevor es ihn in eine etwas andere, offenbar unausweichliche Richtung zog (weil es mal gesagt werden musste, und weil mir das in Bezug auf das Werk dieser beiden jungen, politisch denkenden, wahrnehmenden Künstler wichtig scheint). Dann fällt der Satz, im Atelier der beiden: “Une sind Mänsche – und obe sind Krähie. Und alli mached ihres Züüg.” Es ist sofort klar – das ist der Schlüsselsatz.
Was heisst das, wenn “alli ihres Züüg” machen? Es heisst, dass sie Teil (Opfer?) eines Systems sind. Es heisst aber auch, dass sie in den schmalen Grenzen, die ihnen gesetzt werden, ihren Freiraum nutzen – und schützen. Trügt der Schein, dass dieser Freiraum immer kleiner wird? Trügt der Schein, dass wir bald an eine Schwelle kommen, an der sich die Dinge drehen werden? An der es genug ist – und sich das nicht mehr “alli” bieten lassen – und genug davon haben? Aber: Werden wir die Kraft dazu haben, die Dinge zu drehen? Und werden wir solidarisch sein, “alli”?
Es sind grosse Fragen, die sich vor diesen kleinen und grossen Bildern auftun, in denen es wie eingangs gesagt um Kleines und Grosses geht. Im Kleinen, im Müll am Boden und im Müll, den die Ebbe in einem schottischen Meer freigibt, in unserem Konsummüll sehen Lorenz Bachofner Boškovic und Vincent Scarth unsere Gegenwart, unsere Zivilisation. Untergehen. Und sie sehen sie in einigen lichten, warmen Momenten, bei Familienbesuchen in Novi Sad oder in Ferrara, wenn die Hitze flirrt und die Fliegen es sich an den Süssspeisen gütlich tun. Die Wärme ist dann auch in und unter und zwischen den Menschen. Und die Farben auch. Ganz im Gegensatz zum Zürcher Grau.
In ihren liebevollen, szenischen Betrachtungen des Alltags, des Unscheinbaren, Übersehenen, Überfahrenen. Überfahrene Eichhörnchen, ein angefahrener Dachs. Verwundet von unserer Zivilisation versteckt er sich im Unterholz. Was er wohl denkt, der angefahrene Dachs? Was er wohl über uns denkt? Über uns Menschen, denen es relativ egal ist, wenn sie Tiere überfahren? Hier ist ein Mensch wenigstens zurückgekehrt, an den Tatort. Hier versucht ein Mensch, Verantwortung zu übernehmen für das, was er gerade getan hat.
Ja – es geht um Verantwortung. Verantwortung insbesondere auch nachfolgenden Generationen gegenüber. Und gegenwärtigen Generationen gegenüber, in weniger privilegierten Regionen der Welt. Bis hin nach Altstetten, Schlieren, Dietikon. Verantwortung dafür, dass wir uns nicht alles bieten lassen. Verantwortung dafür, dass wir ein bisschen Liebe, ein bisschen Zuneigung säen. Wie die beiden Künstler das auch mit ihren Stickern oder ihren kleinen, handgemachten Produkten tun, die sie auf Wochenmärkten anbieten. Es ist ein bisschen Liebe, ein bisschen Zuneigung, ein bisschen Wärme, die sie in dieser kalten, effizienzgetriebenen, brutalen Welt anbieten. Für wenig Geld – und manchmal auch ganz gratis. Es ist diese Haltung, die gut tut. Die Ehrlichkeit und die Authentizität.
Dabei geht es nicht darum, ob diese Bilder gut gemalt, ob sie richtig gemalt sind, ob die Perspektiven stimmen. Es geht darum, dass sie ehrlich gemalt sind. In ihren Unzulänglichkeiten und Unsicherheiten. Das ist es, was sie wertvoll macht. Danke Vincent und Lorenz – ihr macht etwas, das der Welt guttut. Ihr habt einen Sinn für die Schwachen in dieser Gesellschaft, mit denen “gemacht” wird. Mit denen “gemacht” werden kann. Ihr helft ihnen, den Tieren und Menschen und Pflanzen. Ihr schafft Raum zum Träumen, zum Erinnern, zum Sinnen, zum Spielen, zum Erfinden. Ihr bringt ein Stück Kindheit zurück. Und ihr gebt unseren Eltern, Älteren Wertschätzung. Ihr steht für das Mitgefühl ein, für Empathie. Ihr beobachtet, nehmt Anteil. Schätzt wert. Auch das, was vermeintlich keinen Wert hat. Auch das, was geopfert wurde, zum Opfer fiel. Ihr öffnet Euch, ihr lasst Eurer Phantasie freien Lauf, ihr nutzt die Malerei, um etwas zu behaupten. Ihr erfindet Einhörner und malt sie liebevoll wie Kinder, mit Kindern und Jugendlichen und Studierenden. Ihr macht die Welt wieder farbig, setzt dem Grau, dem Schwarz und Weiss etwas entgegen. Ihr bringt ein Strahlen zurück, ein Staunen.
Ihr überrascht. Ihr malt die Schuhe derer, die wir nicht sehen. Die Gemeinschaft ihrer Schuhe. Sie sind alle anders, wie die Menschen auch. Aber sie finden sich zusammen, auf diesem gemeinsamen Boden. Und über ihnen die Mäntel und Jacken derer, die wir nicht sehen. Auch sie alle anders. Und alle gleich. Alle Menschen. Verschiedene Menschen. Mit ihren Eigenarten, Unzugänglichkeiten, Geheimnissen. Mit ihren Machtverhältnissen untereinander. Sie müssen sich zusammenfinden an diesem Anlass, den wir nicht sehen, nicht kennen. Sie müssen miteinander auskommen. Ja – auskommen. Auch wenn sie Mühe haben, einander auch nur zu verstehen. Wie schwierig es ist, andere überhaupt zu verstehen. Weil sie anders sind, alle. Wie riechen ihre Füsse aus diesen Schuhen? Wie ihre Jacken? Was haben diese Jacken erlebt? Was werden sie erleben?
Wir sind alle mittendrin in diesem Leben, in diesen Leben, der “anderen”. Mit unserem eigenen Leben. Wir sind selbst für andere auch anders. Es ist gut, dass wir uns das immer wieder bewusst machen. Dass wir wach sind, aufmerksam. Dass wir sehen, wie andere reagieren. Dass wir darauf reagieren und offen sind dafür.
Eure Bilder, Lorenz und Vincent, zeigen uns, dass wir Teil einer Gesellschaft sind. Im besten Wortsinn: Gesellschaft. Das Gegenteil von Gesellschaft ist allein. Abgekapselt, für sich. Ihr führt die Menschen und Dinge und Tiere wieder zusammen. Ihr erinnert uns daran, dass wir zusammen leben. Zusammenleben, sagt die Rechtschreibung, in einem Wort. Ich hab’s mir noch gedacht. Zusammenleben schreibt sich in einem Wort. Vielleicht ist das gut so. Vielleicht will uns das was sagen.
Simon Maurer, Stiftungsrat
Öffnungszeiten Mi-Fr 12 – 18:30 Uhr, Sa 11 – 17 Uhr
Ausstellungsdauer 26.02. – 25.04.2026
Location:
Stiftung Kunstsammlung Albert und Melanie Rüegg
Rämistrasse 30
8001 Zürich
Switzerland




