Exhibition

in Luzern / Switzerland
07.11.2015 - 05.12.2015 16:00 - 19:00
Oliver Boberg, Matteo Hofer, Wermke / Leinkauf - Schattenbummel


“Schattenbummel” ist inspiriert von dem Film “Reisender Krieger”, der 1981 in die schweizer Kinos hätte kommen sollen, aber vermutlich wegen der damaligen Überlänge von über drei Stunden jedoch kaum in regulären Programmen gezeigt wurde. Auf internationalen Festivals konnte er die Kritik für sich gewinnen. In seiner radikalen Konzeption nahm dieser Monolith im schweizer Filmschaffen in grossen Teilen vorweg, was Lars von Trier 15 Jahre später als “Dogma 95” laut für sich reklamierte:

Gedreht wurde ausschliesslich an Originalschauplätzen, ohne Requisiten / Musik kommt im Film vor, wurde aber nicht nachträglich eingespielt / zur Aufnahme wurden nur Handkameras verwendet / Spezialeffekte und Filter wurden nicht angewendet / der Film zeigt keine Waffengewalt oder Morde / der Film spielt im hier und jetzt – als einzig markante Abweichung ist offensichtlich, dass er nicht in Farbe gedreht wurde:

Im Jahr 1979 bereist der Handelsvertreter “Krieger” die Deutschschweiz, um die amerikanische Kosmetiklinie “Blue Eye” an die Frau zu bringen. Ganz vorne im Sortiment das Eau de Cologne “Blue Dream” – welches trotz seines Verkaufsarguments “Eso schmöckts dä Winter i dr Schwiiz” nur spärlichen Absatz findet. Weswegen er geradezu genötigt wird, seine Absatztour ins Überregionale zu erweitern – was er sich zumindest einredet.

Seine Odyssee führt ihn in zehn Tagen, von der Wohnsiedlung Webermühle in Neuenhof über Olten nach Basel zur Herbstmäss, ins Bündnerische, zur Gotthard-Strassentunnel-Baustelle, in einen Coiffeursalon in Luzern bis nach Zürich.

Ein sagenhafter, aus heutiger Sicht zeitlich verrückter Heimatfilm, der keinen Heidimythos beschwört, der hinter die Sieben Gleise schaut, ohne dort märchenonkelhafte Clochards zu finden.

‘Krieger’ ist ein seltener Held. Auf der Flucht vor dem Leben mit seiner Frau in einer Grosssiedlung, gerät er, auf der Suche nach sich selbst, mitten hinein in den Vorabend der Opernhauskrawalle in Zürich. Eindrückliche hält dieser Film die Stimmung der verstockten 1970er Jahre kurz vor den Zürcher Jugendunruhen fest. – Niemand hat danach gesucht, zu allerletzt der reisende Krieger.

Die Story ist Serendipity wie aus dem Definitionsbuch, Serendipity wie dazumals, als Columbus nach Westen aufbrach, um einen kürzeren Weg zum indischen Pfeffer zu finden und stattdessen Amerika vorfand.

Matteo Hofer bietet den Rezipienten die gleiche Chance. Seine Installation ist die Gelegenheit zum Gang ins Ungewisse, um neue Ansichten von Luzern zu gewinnen: Ein kleines Fähnchen darf ausgeliehen werden, zusammen mit einer Kamera. Damit ausgestattet soll vor die Galerie getreten werden, um dann dem Wind zu folgen. Um Ecken und durch Gänge, über Plätze und unter Brücken hindurch, bis zu dem Moment, wo das Foto gemacht werden will.

Die WimpelgängerInnen finden sich so in einer ähnlichen Situation wieder, in welcher sich auch Willy Ziegler befand, der Hauptdarsteller in “Reisender Krieger”. Der Filmemacher Christian Schocher suchte ihn hier in Luzern in einer Spelunke auf. Ziegler war keineswegs Schauspieler. Aber so einen wollte Schocher auch gar nicht haben, er wollte, dass Ziegler als Krieger sich selbst spielte. Der Regisseur bot ihm den Rahmen, in welchem er sich treiben lassen konnte. Diesem Gang folgten er und der Kameramann Clemens Klopfenstein und was geschah, zeichneten sie mit schwarzweissem Film auf.

Krieger fand sich in einigen Situationen wieder, in welche sich, sagen wir mal Schweiz-Touristen, nicht vorsätzlich begeben würden, in denen sie sich aber tatsächlich sehr oft befinden. In einer Szene steht er auf dem Parkplatz von der Autobahnraststätte Würenlos (dem “Fressbalken”) – kein ansehlicher Ort. Aber ganz bestimmt ist dieser Ort stärker mit der Gesellschaft in der Schweiz verwoben als das Schilthorn, welches durch einen Kinofilm mit einem anderen Krieger, im Auftrag Ihrer Majestät, cineastisch viel präsenter ist. Daher ist es doch eigentlich erstaunlich, wie wenig Achtsamkeit auf die Gestaltung solcher Diensträume gelegt wird.

Auf solche Orte richtet Oliver Boberg sein Augenmerk. Das Video “Gasse” von 2003 zeigt eine typische urbane Hinterhofsituation, zufällig angeordnete Türen und Fenster, Müll, Lüftungskanäle und dampfende Kanalisation laden zum schnellen Passieren ein. Vermutlich befindet sich diese Situation weniger in Nürnberg oder Luzern, sondern eher in New York. Auf jeden Fall an einem Ort, den die meisten wohl aus den Augenwinkeln wiederzuerkennen glauben. Nun, das entspricht ihm ja auch, jedes Detail davon scheint wie von unsichtbarer Hand darauf abgestimmt zu sein, das es einem zuflüstert: Bleib nicht hier! Ähnlich wie beim Parkplatz von der Autobahnbrücke. Wer da innehält, ist sicher nicht normal, Verbrecher, Vertreter… oder Künstler. Oliver Boberg fotografierte dies Gasse übrigens im beschaulichen bayerischen Fürth – in seinem Studio. Ein Tableau Vivant, das einen kollektiven Traum an Tatorte, bekannt aus Filmen und bösen Fantasien, rekonstruiert.

Ein Sprichwort sagt: “Der Mensch ist, was er isst”. Krieger sieht man kaum essen, eher mal etwas trinken, aber das ist nicht der Punkt. Der Mensch ist vielleicht auch, wie er sich bewegt. Odysseus war noch mit der Galeere unterwegs, sein helvetischer Wiedergänger mit dem Auto, einem Citroën CX.

In Berlin, von wo das Künstlerduo Wermke / Leinkauf herkommt, ist auch die U- und S-Bahn ein passable Lösung zur Fortbewegung. Pendeln ist, wenn man nicht mehr darüber nachdenkt.

So kann es den beiden Künstlern nicht zu hoch angerechnet werden, dass sie einmal nachsahen, was da eigentlich ist. Das Schienennetz ist eine im Grunde parallele, dunkle Stadt. Die meisten BewohnerInnen dürfen es einzig in geschlossenen Raumkapseln bereisen. Das Duo baute sich eine handbetriebene Draisine, mit welcher sie dieses Nebenreich zu den nächtlichen Randzeiten bereisen konnten. Abgewendet von den Lichtern, fanden sie eine Sinfonie der Grossstadt vor und erstellten daraus ein einzigartiges Stück Street-Art, der Aneignung von öffentlichem Raum, welches durch seine poetische Kraft weit über das besprühen von Wänden hinaus weist.

Übrigens, a propos helvetischer Odysseus. Am Samstag 28.10.2015 wurde in “Das Magazin” Friedrich Dürrenmatts legendäre Ansprache im Rahmen der Überreichung des Gottlieb Duttweiler-Preises an Václav Havel am 22. November 1990 abgedruckt. In kollektiver Erinnerung daraus ist Dürrenmatts Bild der Schweiz als Gefängnis, in welchem jeder Gefangene sein eigener Wächter ist.

Interessant ist der letzte Absatz, welcher hiermit als Zitat wiedergegeben wird:

“Platon erzählt gegen Ende seiner “Politeia”, dass nach dem Tode die Seele eines jeden das Los zu einem neuen Leben wählen müsse: Zufällig aber habe die Seele des Odysseus das allerletzte Los erhalten und sei nun herangetreten um zu wählen. Da sie aber in Erinnerung an ihre früheren Mühsale allen Ehrgeiz aufgegeben hatte, sei sie lange Zeit herumgegangen und habe das Leben eines zurückgezogenen, geruhsamen Mannes gesucht und gerade noch irgendwo eines gefunden, das die anderen unbeachtet haben liegen lassen. Und als sie dies entdeckt hatte, habe sie gesagt, sie würde ebenso gehandelt haben, wenn sie das erste Los bekommen hätte, und habe es mit Freude gewählt. Ich bin sicher, Odysseus wählte das Los, ein Schweizer zu sein.

Öffnungszeiten Do, Fr 16 – 19 Uhr, Sa 11 – 16 Uhr

www.alpineum.com

Location:
Alpineum Produzentengalerie
Hirschmattstrasse 30A
6003 Luzern
Switzerland

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