Exhibition
in Schaffhausen / Switzerland
- Tom Fellner: Dino, 2022/15
“Alle kulturelle Energie wird darangesetzt, die Dinge in Geist zu verwandeln, um ihrer symbolisch und real habhaft zu werden; doch zugleich will der Geist sich materialisieren, um an der Todlosigkeit des Dinglichen teilzuhaben. (…) Vielleicht dass unsere Sehnsucht, unsere Gier, unser Verlangen nach den Dingen nichts anderes ist als der Versuch, den Tod abzuhalten. Wir sterben, aber in den Dingen leben wir.” *1
Ein Fetisch ist etwas, das ein scheinbares Eigenleben besitzt. In meinem Fetischprojekt interessiert mich die psychologische Beseelung eines physisch toten Objekts.
Das Projekt besteht aus einer Serie von etwa dreissig Bildern, die zwischen 2015 und 2019 entstanden sind. Während der Weiterentwicklung meiner Monster-Drawings, inspiriert von japanischen Kaiju-Figuren, faszinierte mich die Welt der traditionellen westlichen Porzellanfiguren. Besonders Tierdarstellungen – vor allem Hunde, Katzen und Vögel – zogen meine Aufmerksamkeit auf sich. Diese Figuren sind für mein Empfinden äusserst kitschig, werden aber mit großem handwerklichem Können gefertigt und oft von Hand bemalt. Ihre hochglänzende, glatte und abweisende Oberfläche steht im Kontrast zu ihrer sentimentalisierten, niedlichen Darstellung.
Wie entsteht eine emotionale oder sentimentale Reaktion auf solche Gegenstände? Warum werden sie fetischisiert? Fehlt diese emotionale Besetzung an anderer Stelle? Welche Funktion haben solche Objekte und Bilder in unserer Kultur? Warum gibt es sie überhaupt?
Die Bilder sind auf “found textiles” unterschiedlicher Herkunft gemalt – vom synthetischen Harlequin-Stoff über kitschige Bettwäsche, billigen IKEA-Dekostoff bis zu edlen Leinenvorhängen. Jedes Material ist gleichrangig und erzählt seine eigene Geschichte.
Um auf einem stabilen Malgrund arbeiten zu können, habe ich gelernt, wie man eine Leinwand “doubliert”, also Textilien auf einen anderen Träger aufzieht. Beim Aufbau der Farbschichten war es wichtig, Teile des Hintergrunds auszusparen und unbemalt zu lassen. Ich nahm mir viel Zeit, die Figuren mit verschiedenen Malmitteln aufzubauen, bis sie dreidimensional wirkten. Die oberste Ölschicht wurde lasierend aufgetragen. Die Rahmen stammen aus einer Fabrik in der Nähe von Venedig. Ich bemalte sie in mehreren Schichten mit Fensterlack (Kunstharz), wobei die unteren Schichten beim genauen Hinsehen durchscheinen. Die Rahmung verstärkt den Objektcharakter der Bilder und ihrer Kitschmotive. Die sentimentalisierten Trivialobjekte werden durch eine sorgfältige, traditionelle Malweise überhöht und gleichzeitig durch Hintergründe fragwürdiger Ästhetik und opulente Rahmung konterkariert. Die aufwendige Malerei – eine Geste der Verewigung – erweckt die Objekte zum “Zombiedasein”. Es entsteht eine Art “Frankensteinisierung” der Malerei.
“Im Großen und Ganzen ist Kunst frei, schamlos, unverantwortlich, und, wie ich sagte, die Bewegung ist intensiv, fast fieberhaft; sie ähnelt einer Schlangenhaut voller Ameisen. Die Schlange selbst ist längst tot, ausgefressen von innen, ihrer Gifte beraubt; doch die Haut bewegt sich, voller geschäftiger Lebendigkeit.” *2
Seit jeher fasziniert mich das psychologische Phänomen der “Projektion” – die Vermengung und Diskrepanz eines Objekts mit einer darauf projizierten Bedeutung.
Bergman beschreibt die Figuren als leere Hüllen, die durch eine Projektion (bei der Laterna Magica seiner Kindheit wörtlich eine Lichtprojektion) animiert werden und zu einem Scheinleben erwachen. Obschon die Schlange jetzt tot und ohne Gefahr ist, bleibt sie unheimlich und bedrohlich. Die Porzellanfiguren zeigen beides: die Angst vor dem Tod, doch auch der Wunsch nach etwas, das, wenn auch zerbrechlich, weiterleben kann. Möglicherweise winkt beim Betrachten der Bilder nicht die allgegenwärtige Winkekatze Maneki-neko, sondern vielmehr, um mit Mani Matter zu sprechen, es metaphysischs Grusle. *3
Tom Fellner, Sommer 2025
*1 Hartmut Böhme: Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne, Hamburg, 2006
*2 Ingmar Bergman: The Snakeskin, Stockholm, 1965
*3 Mani Matter: Bim Coiffeur: Es metaphysischs Grusle het mi packt im Coiffeurgstüel
Öffnungszeiten Do 18 – 20 Uhr, Fr 16 – 18 Uhr, Sa/So 12 – 16 Uhr
Ausstellungsdauer 25.10. – 14.12.2025
www.vebikus-kunsthalle-schaffhausen.ch
www.tomfellner.com
Location:
Vebikus Kunsthalle Schaffhausen
Baumgartenstrasse 19
8200 Schaffhausen
Switzerland

