Exhibition

in Schaffhausen / Switzerland
14.03.2026 - 03.05.2026 00:00
Ute Klein - lösen leiten lassen / Elisabeth Nembrini - Crystal Archive / Peter Lüem - ikarus flieg|ht

Ute Klein: lösen leiten lassen

Ute Klein nimmt mit einer grossen Wandmalerei Bezug zur speziellen Unterspann-Deckenkonstruktion der Vebikus Kunsthalle. Die Wandmalerei ist eine Umsetzung eines Auffang-Papiers, einer Malerei, die neben ihren grossen mit verdünnter Farbe gekippten Ölbildern entstand. Die Deckenkonstruktion ist eine Umlenkung der Kräfte, die Linien von Ute Kleins Malerei sind Aufzeichnungen der Schwerkraft während des ‘Malens’. Ute Klein malt, in dem sie Farbe verdünnt, auf einen liegenden Malgrund leert und den dann bewegt, so dass die Farbe Flecken, Formen und Finger bildet oder in Linien auszieht, die der Schwerkraft der Bewegung folgen. Die entstandene Form trocknet und wird weiterbearbeitet, so dass Linien in verschiedene Richtungen laufen, die Farbschichten sich atmosphärisch verdichten, Formen Gestalt annehmen. Äste, die Wasser und Nährstoffe bis in die Baumwipfel leiten, farbige Stoffe und neue Ölbilder lassen als Ganzes eine Malerei im und mit dem Raum entstehen.

“Ich arbeite beim Kippen mit dem Zufall, das ist spannend, wenn ein Plan/Ziel/ Risiko/eine Frage da ist, zugleich in den Plänen aber Raum für das Unverfügbare ist. Das Unverfügbare, das, was sich erst beim vorbereiteten Machen im Prozess zeigt und entwickelt, das, was an Ort mit dem Material entsteht, das ist einzigartig und interessiert mich. Genauso möchte ich mich der Wandmalerei und dem Raum in der Vebikus Kunsthalle mit dem Zufall als Mitspieler widmen.

Die Beziehungen im Raum zwischen den Farben und unteren Schichten sind mitbestimmend wie die Kräfte, die die Farbe fliessen lassen. Je nach Oberfläche läuft die Farbe anders, sie reisst oft dort aus, wo im Grund eine Unebenheit ist. Je nach Untergrund fliesst die Farbe als klar begrenzte Linie oder Form oder zerfranst. Mein Malen ist Abbilden des Denkens von Bewegungen. Bewegungen von Bergen und Landschaften, vom Wachsen und Vergehen in Wäldern, von Flüssigkeiten in Zellen, von Menschenströmen, die zu oder gegeneinander laufen.

Eine Wandmalerei ist für mich ein bewusstes Herauslösen eines Details aus einem Entstehungszusammenhang, es ist ein Augenmerk, ein Vergrössern, ein Hinschauen, auch ein Verändern: über- oder umsetzen, nochmal holen: ein Wiederholen. Wenn ich eine Wandmalerei in den Raum setze und dann vielleicht noch ein Bild dazu, ist das auch eine Collage, ein Weitermalen im Raum, ein in Bezug setzen, das variabel und temporär ist. Ich wähle die Farben der Umsetzung neu, nämlich in Beziehung zum Raum oder zu anderen Dingen im Raum. Ich löse Teile aus meiner Vorlage heraus, genauso wie wenn man einen Baum abzeichnet, kann man das auf viele Arten machen.

Mich interessiert diese Form des Zusammenfliessens von verschiedenen Flüssigkeiten, die in verschiedene Richtungen in unterschiedlichen Tempi flossen und sich gegenseitig behinderten oder beeinflussten. Solches Fliessen erzählt auch von Zeit, es kann nicht gleichzeitig in einem Schwups entstanden sein. Ich bin kein weisses Blatt, ich habe meine Erfahrungen und meine Umgebung ist nicht nur förderlich, Gewissem muss ich ausweichen, anders beschleunigt. Sowas interessiert mich, fasziniert mich.

Wie diese kleine Linie in dem grossen Bild entstand, kann ich mir erklären, aber erstaunlich ist sie dennoch. Der Zufall ist oft viel komplexer als eine Idee und doch ist die Idee leitend, im positiven Fall befruchten sich Idee und Zufall, findet ein Hin und Her statt. Und genau so scheint mir diese Linie gelaufen zu sein. Nicht nur geradlinig, nicht nur einer Logik folgend.”

Elisabeth Nembrini: Crystal Archive

Zentral für Nembrinis Arbeit ist der Umgang mit alltäglich Vorgefundenem und zufällig Entdecktem. Scheinbar wertlose oder unbeachtete Dinge werden durch Aneignung und Transformation neu lesbar gemacht. Wiederkehrend integriert sie Tiere als Akteure oder Projektionsflächen für das Fremde und Unverfügbare. In crossmedialen Prozessen überführt sie inhaltliches wie physisches Material von einem Medium in ein anderes und schärft dabei ambivalente Stimmungen. Ziel ist es, Spannungsfelder und gegenseitige Abhängigkeiten sichtbar zu machen.

In der Vebikus Kunsthalle Schaffhausen zeigt sie analoge Farbfotogramme aus verschiedenen Werkserien. Diese Fotogramme sind erträumte und von Kontrolle losgelöste experimentelle Belichtungen. Ohne Kamera, in völliger Dunkelheit mit Licht direkt aus dem analogen Fotopapier gelockt, scheinen sie mehr Malerei als Fotografie zu sein. Dieser physische Vorgang bedingt direkte Berührung und unterscheidet sich komplett von einer digitalen Bildgenerierung. Er hält konkrete Lebendigkeit fest und erinnert gleichzeitig an ihr Ende. Die Grösse der Formate und Belichtungen bewegen sich am oberen Limit. Sie ergeben sich aus den Bedingungen des Labormaterials und den körperlichen Dimensionen der Künstlerin. Kein Bild ist wiederholbar und deshalb jedes ein Unikat.

Die aktuellen Serien “Assistance Pet Series”, “Trunk Series” und “Shell Series” entstanden auf langen Bahnen von schwerem Hochglanzfotopapier, wo die Farben flüssig und in mehrschichtiger Tiefe erscheinen. Die spiegelnde Oberfläche zwingt die Betrachtenden zur Bewegung.

Peter Lüem: ikarus flieg|ht

Peter Lüem hat mit “ikarus flieg|ht” eine für den Ausstellungraum in der Vebikus Kunstalle konzipierte, multimediale Installation geschaffen. Ein vergängliches Objekt – Unfertiges, Prozesshaftes – alles ist instabil wie die ständige Veränderung fliessenden Wassers, Wind und Stoff gegenüber Dauerhaftem. Ein raumgreifendes Konstrukt aus Bambus, Stoff, Papier, Folien, vorhandenem einfachem Material, stark und flexibel, zerreissbar und zerbrechlich.

Die imaginäre Rekonstruktion eines Schiffskörpers erinnert an visuell Gespeichertes: Eine don quixott’sche Windmühle, ein lilienthal’sches Flugobjekt, ein Mobile. Ein Skelett, dünne Flughäute. Im Ausstellungsraum balanciert es wie ein Relikt im Status quo, fragil und kinetisch, als möchte es die Prinzipien des Gleichgewichts und der Schwerkraft in unserer Umgebung bekräftigen oder diese als Unmöglichkeit in den Raum stellen.

Bienenwachs verweist zum Mythos von Ikarus, dem gescheiterten Traum vom Davonkommen, vom Fliegen und Fliehen, von der Sehnsucht nach Freiheit und Leichtigkeit, riechbarer Wärme. Töne gehören auch zum Material im Raum. Akustische Bilder öffnen und verlieren sich. Ephemer durch Windböen hören wir Tierstimmen wie alte Gesänge aus fremden Kulturen, die den Ausstellungsraum kolonialisieren und eine Atmosphäre schaffen, direkt und unausweichlich Emotionen weckend. Genau wie die Projektion der Meeresbrandung an der Küste, die als eine schwindelerregende Illusion der Natur erscheint.

Bilder machen – “bildern” – ist Unterwegssein im Aussen, im Innern und das Gesehene, Gedachte visuell aussprechen. Durch Migration sich entwickeln, sich bewegen durch Raum und Zeit, sicher und mit Unsicherheit, nicht wissend, was das Schicksal bringt, was die Geschichte sein wird. Oszillieren zwischen fliessender Lebensader und suchendem Verstand, Horizont und Vertikale, die den Kreis, das Rad stabilisieren und im Kompass die Möglichkeiten der vier Himmelsrichtungen öffnen. Die Orientierung verlieren, Wahrnehmungsirritationen. Was ist vorne, hinten, was Material, was ein Abdruck oder Schatten davon. Ist Wasser hart und der Fels weich? Alles scheint nur so, eine zarte Vorstellung davon auf dünnem Papier. Eine Reflektion der Mensch-Welt-Beziehung, um Fragen zu untersuchen, die sich aus den Grenzen der eigenen Wahrnehmung ergeben, in der Parallelwelt einer Ausstellung, die zwangsläufig nur eine partielle Beobachtung ermöglicht. Die Werke unterordnen sich den Bedingungen des Raums, so wie die Wendeltreppe unerwartet Teil der Installation wird.

Text: Nadja Athanasiou und Peter Lüem

Öffnungszeiten Do 18 – 20 Uhr, Fr 16 – 18 Uhr, Sa/So 12 – 16 Uhr

Ausstellungsdauer 14.03. – 03.05.2026

www.vebikus-kunsthalle-schaffhausen.ch
www.uteklein.ch
www.elisabethnembrini.kleio.com
www.peterluem.ch

Location:
Vebikus Kunsthalle Schaffhausen
Baumgartenstrasse 19
8200 Schaffhausen
Switzerland

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