Exhibition

in Zürich / Switzerland
27.02.2020 - 02.05.2020 00:00
Bendicht Fivian - Gegenstand in Gegenwart

Der Berner und Wahlwinterthurer Künstler Bendicht Fivian, 1940 geboren und nur fast eben 80 geworden, ist einer der grossen Melancholiker in der Schweizer Kunst. 1968 politisiert und radikalisiert worden, war sein Blick auf die Gegenwart hart und unbestechlich. So gegenstandsbezogen und vordergründig nüchtern, so lebt doch eine Sehnsucht, ja geradezu Romantik im Grau der Ödnis seiner Malerei. Wir zeigen eine Reihe von “Minibildern” (Fivian), Frühwerke aus dem Nachlass. Und einige grössere Arbeiten aus späteren Jahren, die dazu animieren mögen, die Fivian gewidmete Ausstellung in der Kunsthalle Winterthur (23. Februar bis 17. Mai 2020) auch zu besuchen. Wie immer stellen wir ihnen einige ausgesuchte Bilder unseres Stiftungsgründers Albert Rüegg gegenüber.

“Gegenstandversammlung” nannte Bendicht Fivian seine zugleich sorgfältig wie intuitiv zusammengestellten Assemblagen, die manchen Bildern zu Grunde liegen. Kunst vor der Kunst also, denn die Assemblagen mussten ja erst arrangiert werden, bevor die Malerei beginnen konnte. Fivians Neologismus “Gegenstandsversammlung” beschwört aber auch eine höhere Kraft (als die des Künstlers?), die die Gegenstände zusammenrückte. Magnetisch, zwischen Anziehung und Abstossung? Wer, was ist im Bild? Was nicht, was fliegt raus? Es scheint, als hätten die “Gegenstände” mitgeredet bei diesen Entscheidungen des Künstlers.

Fivians Gegenstände “sprechen”, er hat sie verlebendigt, ihnen Stimmen verliehen. Es ist, als ob alle seine Bilder Stillleben wären: auch die Porträts, auch die Landschaften. Aus der Stille heraus belebte Fivian seine Gegenstände. Seine Gegenstände: Sie müssen ihm sehr persönlich gewesen sein. Ob das nun ein Spielzeugrennwagen oder eine Waldecke war, ein Pierrot oder eine Kiesgrube. Die Dinge gewinnen Leben. Für Fivian lebten die Gegenstände. Vielmehr: Die Gegenstände lebten für ihn. Vielmehr: Er machte sie lebendig, in seiner Kunst. Deshalb ist es so, wie seine Exegeten schreiben, dass der Blick aus dem Zugfenster im Schweizer Mittelland typische Fivian-Landschaften erkennt. In Unkenntnis der Bilder würde er sie nicht als solche erkennen.

“Gegenstand in Gegenwart” heisst diese Ausstellung. (Erst) die Gegenwart macht den Gegenstand lebendig. Aktiviert ihn, weckt ihn aus dem Schlaf. Fivians erweckte Gegenstände begegnen den Betrachtenden in Gegenwart. Die Betrachtenden vergegenwärtigen sich ihrer: den Gegenständen. Sie werden gewahr, dass es sich um Gegenstände handelt, ihnen gegenüber. Die Gegenstände werden für sie wahr, indem sie sie wahrnehmen. Fivians Bilder lernen uns, Gegenstände wahr zu nehmen. Sie lernen uns, dass Gegenstände leben. Und mit den lebendigen, verlebendigten Gegenständen werden wir gewahr, dass wir selber leben. Dass unser Leben nicht selbstverständlich ist. Sondern im Grunde eher unverständlich. Ein Wunder?

Gegenstand und Gegenwart. Die deutsche Sprache ist seltsam. In beiden Worten denkt sie, die Sprache, das Subjekt mit: den Menschen, der den Gegenstand betrachtet. In Gegenwart. Dafür, dass der Gegenstand gegenwärtig wird, braucht es den Menschen, der zwischen dem Gegenstand und der Zeit steht, im Raum. Raum, Zeit, Gegenstand und Mensch versammeln sich und bedingen gemeinsam eine Fivian-Welt. Der Gegenstand steht dem Menschen gegenüber. Er unterscheidet sich von ihm. Er lebt nicht. Das heisst: Er lebt höchstens durch ihn, den Menschen. Diese (sprachliche) Opposition von Gegenstand und Mensch ist bemerkenswert. Diese Gegenüberstellung von Mensch und Gegenstand. Bei Fivian. Und wie der Gegen-stand sich vor dem Menschen aufbaut, so baut sich, in der Sprache, offenbar auch die Gegen-wart vor ihm auf. Als ob beide, Gegenstand und Gegenwart, gegen ihn, den Menschen, wären? Jedenfalls scheinen beide, Gegenstand und Gegenwart, ausser ihm zu sein: ausserhalb des Menschen. Und doch ist der Mensch auf sie angewiesen, auf die Gegenstände und die Gegenwart. Sonst wäre er einsam. Gegenstand und Gegenwart sind ausser sich. Sie gehören einer anderen Ordnung an. Und werden doch erst lebendig gemeinsam mit dem Menschen.

Diese – philosophische? chemische? magische? – Konstellation wird einem, dem Menschen, erst vor Fivians Bilder so richtig klar, gewahr. Wie wir Menschen den Gegenständen Leben spenden können. Wie aber umgekehrt auch die Gegenstände auf uns zurückschauen. Und wie sogar, verrückte Vorstellung, die Zeit auf uns zurückschaut? Die Zeit als unser Gegenüber?

Es ist kein Zufall, dass Fivian zeitlebens angetan war von Spielzeugen. Spielzeuge sind Verkleinerungen, sie haben ihr Gegenüber in einer grösseren Welt. Spielzeugautos sind keine echten Autos. Aber sie meinen echte Autos, sie stehen dafür. Das macht sie so liebenswert. Wir lieben das Unechte, wir lieben Stellvertreter. Wir lieben Dinge, die nicht sprechen können. Deshalb lieben wir Tiere so sehr. Fivian hat ja auch viele Tiere gemalt. Meistens sind sie tot. Hat er mit ihnen den Tod verlebendigt?

Die kleine Spielzeugwelt steht für die grosse. Hier, in der kleinen, ist alles möglich. Hier gibt es auch Autounfälle, die etwas Erotisches haben. Mit einem Hauch Sadismus grundiert, oder vielleicht sogar mehr als nur einem Hauch? Wer die Dinge liebt hat eine Nähe zum Sadismus. Wer nicht mehr unterscheiden kann zwischen Belebtem und Unbelebtem sowieso. Die Spielzeugwelt. Hier herrschen andere Massstäbe. Hier gibt es auch Strenge. Eine uniformierte Dame. Ein gerüsteter Herr. Puppen – Stellvertreter. Stellvertreter für echtes Leben? Oder echteres Leben im Spielzeugformat als das richtige, grosse Leben? Seltsame Verschiebungen von Massstäben, von Perspektiven. Perspektiven oft von unten, dann erscheint alles gross. Waldecken übermächtig. Die Macht der dunklen Bäume, die sich vom hellen Himmel abgrenzen. Die Macht des Gegenstands Bäume – gegen das Ungreifbare Weiss des Himmels. Die tiefen Horizonte lassen aufschauen. Von klein auf, Kinderperspektive. Tierperspektive. Gegen die Grösse der Gegenstände. Gegen die Übermacht der Gegenwart.

Fivians Werk klärt uns modellhaft über die Massstäbe, über die Verhältnisse zwischen Gegenständen und Menschen auf. Über Leben und Tod, tote und lebendige Materie. Nun ist er, der sich zeitlebens lebendig mit dem Tod auseinandergesetzt hat, selber nicht mehr da. Nun ist er selber zum Gegenstand geworden und aus der Gegenwart gekippt. Gefallen. Ist nicht mehr da. Um über das Dasein zu sinnieren in seiner Kunst, zwischen Gegenstand und Gegenwart.

Simon Maurer, Stiftungsrat

Öffnungszeiten Mi-Fr 12 – 18:30 Uhr, Sa 11 – 17 Uhr

www.kunstsammlung-ruegg.ch

Location:
Stiftung Kunstsammlung Albert und Melanie Rüegg
Hottingerstrasse 8
8032 Zürich
Switzerland

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