Exhibition

in Schaffhausen / Switzerland
07.03.2020 - 19.04.2020 00:00
Katrin Hotz

Simon Baur: Weg von der Fläche, hinein ins Denken
Die beiden Zyklen “enough” und “tache” stehen am Ende einer langen Entwicklung im künstlerischen Schaffen von Katrin Hotz, in dem sich Gruppen und Serien mit Einzelwerken abwechseln. Um Gesetzmässigkeiten in ihrer Arbeit zu entdecken, ist es sinnvoll, einige Werke zu berücksichtigen, die rund zehn Jahre früher, sozusagen am Anfang dieses Prozesses entstanden sind und unter dem Titel “Im Gehirn ist harzig die Erinnerung” versammelt sind. Die Aquarelle und Zeichnungen befassen sich mit den weissen und schwarzen Bereichen unserer Erinnerung. Welche Gedanken verblassen? Welche bleiben deutlich klar und wie gewinnen und verlieren sie an Präsenz? Dabei steht nicht die Analyse der eigenen in unserem Hirn gespeicherten Geschichte im Vordergrund, vielmehr geht es in diesen frühen Arbeiten um die Suche nach einer künstlerischen Sprache. Dass Katrin Hotz diese Erfahrungen zeichnerisch vollzieht, leuchtet durchaus ein. Die Zeichnung versteht es, ähnlich wie die Schrift, ein Sinnpotential zu entfalten. In dieser frühen Arbeit gibt es Blätter, die fleckenartige Strukturen zeigen, während sich andere vor einem düsteren Hintergrund oder einer weissen Fläche abheben. Einige scheinen die “tache” vorwegzunehmen.

tache
Die Flecken (tache) in den ab 2016 entstandenen Arbeiten basieren auf unterschiedlichen Mischverhältnissen und unternehmen den Versuch, Strukturen der Malerei in Objekte zu übertragen. Auch Erinnerungen und Gedanken – so immateriell sie sind – kann man sich räumlich vorstellen, bewegen sie sich doch wie Geräusche durch den Äther und können von anderen aufgenommen und weiterentwickelt werden. Die Farben in den Arbeiten werden auf dünnes Papier aufgetragen und durch Bewegungen auf der Fläche verteilt. Erst nach einem langen Trocknungsprozess werden Farbverbindungen, Risse und unerwartete Strukturen auf den Papieren sichtbar. Die Wirkungen sind, so die Künstlerin, teilweise dem Zufall geschuldet, ein Verfahren, das wir etwa auch von Hans Arp kennen. Auch eine Verwandtschaft zum “Rorschach-Test” ist augenfällig. Die Acrylfarben und Lacke, die Katrin Hotz einsetzt, weisen zudem einen Bezug zu Harzen auf, die in den oben erwähnten frühen Arbeiten mit der Erinnerung assoziiert wurden.

Mag sein, dass die “taches” hinsichtlich ihres Umgangs mit Raum an Arbeiten von John Chamberlain denken lassen. Doch ist bei allen diesen Bezügen auch eine eigene Bildsprache zu erkennen. In inhaltlichen und materiellen Parallelen zu früheren Arbeiten in ihrem Werk zeigt sich ein rhizomartiges Modell, das seinerseits auch eine Metapher für die Erinnerung ist, und das namentlich von Deleuze/Guattari entwickelt wurde. Es unterscheidet sich vom Baummodell und propagiert ein Denken, das sich in jede Richtung und auf jeder denkbaren Ebene entfalten kann. Motive tauchen auf, liegen jahrelang brach, um schliesslich wieder aktiv zu werden. Es ist dies ein interessantes Vorgehen, aber auch ein risikoreiches, da es sich leicht dem Vorwurf der Diskontinuität aussetzt. Das Potential von “tache” reicht bis zu “enough”. Gut möglich, dass Ableger auch noch in weiteren Werken auftauchen werden.

enough
Bei der gut ein Jahr später entstandenen Werkgruppe, die Katrin Hotz mit “enough” bezeichnet, werden die “tache” um einige Stufen weiterentwickelt. Nach wie vor bleiben die Arbeiten mit der Wand verbunden, doch der Versuch, Farbe oder Malerei in den Raum zu transferieren, wirkt noch überzeugender. “Papierbahnen werden opak bemalt, teilweise gefaltet und geknittert, wobei die Farbe die einzelnen Ebenen durchdringt und verklebt. Die Künstlerin erzeugt auf diese Weise eine Verbindung der Werkstoffe, die durch Auseinanderreissen partiell wieder aufgehoben wird, um dann durch neue Faltungen und Verklebungen variiert zu werden. Das Reissen hinterlässt Spuren auf der Oberfläche, führt an einigen Stellen zu Verdickung, an anderen zu Verletzungen und Materialverlust”, so Nora Guggenbühler. Man kennt verwandte Verfahren in den Werken von Adrian Schiess und Renée Levi, allerdings mit dem Unterschied, dass sich die Arbeiten von Katrin Hotz nicht von der Wand weg und in den Raum bewegen. Donald Judd hat mit seinen farbigen Objekten Ähnliches praktiziert. Seine “Specific Objects” stehen indes im Raum und ermöglichen den Betrachtern eine direkte Bezugnahme, was bei komplexen Flächen auf Wänden schwerer fällt. Müssten diese Arbeiten von Katrin Hotz, um den eigenen Anspruch einzulösen, nicht im Raum ausgebreitet werden? Doch vielleicht sollte man von der Auffassung einer raumbezogenen Malerei wegkommen und in den Arbeiten eher Reliefs sehen. Sie situieren sich in einem ähnlichen Zwischenbereich, wie wir ihn von den Eck-Objekten Wladimir Tatlins kennen. Sie sind sowohl Malerei wie auch Objekt. Das bedeutet aber auch, dass sie sich einer eindeutigen Zuschreibung verweigern. Sie erinnern uns an etwas, doch lassen sie sich nicht zuordnen. Das irritiert, regt aber auch zum Nachdenken an. Was ist diese Kunst, wenn sie weder Malerei noch Objekt ist? Ist sie Zeichnung? Architektur? Oder gar Musik? Von Marsilio Ficino ist die Aussage überliefert: “Ich will, was ich nicht weiss”. Sicherheit kann auch lähmend wirken. Unwissenheit bedeutet nicht nur Risiko, sie macht das Leben interessant, und auch die Kunst. Was bedeutet dies für die Kunst von Katrin Hotz? Ganz einfach: Weiter denken! Das ist heute schliesslich wichtiger denn je.

Katrin Hotz, *1976 in Glarus (CH), lebt und arbeitet in Biel/Bienne; 1999–2001 Kunststudium, F+F, Schule für Kunst und Mediendesign, Zürich; 2001–2003 Bachelor of Arts, Ecole cantonale d’Art du Valais ECAV, Sierre; 2005–2007 Master Ecole cantonale d’Art du Valais, ECAV, Sierre.

Öffnungszeiten Do 18, 20 Uhr, Fr 16, 18 Uhr, Sa/So 12, 16 Uhr

www.vebikus-kunsthalle-schaffhausen.ch
www.katrinhotz.net

Location:
Vebikus Kunsthalle Schaffhausen
Baumgartenstrasse 19
8200 Schaffhausen
Switzerland

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